Theater

Rendezvous mit den Kreaturen aus der Unterwelt

Fausts_Verdammnis_35_c_BettinaStoess

Oper ist ein Höllenritt: Christian Spuck bei der Probe zu „Fausts Verdammnis“

Christian Spuck sitzt am Kopfende eines sehr langen und sehr breiten Tisches in einem Konferenzraum der Deutschen Oper. Schmal und zurückhaltend, aber sehr wach. Spuck ist gerade so etwas wie der Shooting-Star in der internationalen Ballettdirektoren-Riege. Seit eineinhalb Jahren leitet der 44-Jährige das Zürcher Ballett und führt es von Erfolg zu Erfolg.

Obwohl er eigentlich keine Zeit hat, auswärts zu arbeiten, hat ihn das Angebot, an der Deutschen Oper Hector Berlioz’ selten aufgeführte dramatische Legende „Fausts Verdammnis“ zu inszenieren, gelockt. Ein Werk mit riesigem Orchester, zwei Chören und großen Gesangspartien, allerdings auch fast ohne Handlung und dramatische Zuspitzungen. Eine Inszenierung ist eine Herausforderung.

Bei Goethe ist Faust ein erkenntnisgieriger Wissenschaftler, der sich mit dem Teufel einlässt. Berlioz Faust sieht Spuck als einen  Künstler, der an der Welt nicht teilhaben kann, ein zurückgezogener Mensch, abgestoßen vom Ennui. „In diesem  Musiktheaterwerk“, so Spuck, „sind all die Figuren, die auf der Bühne auftauchen, die Bauern und Sylphiden, die Dämonen aus der Unterwelt und die Engel am Ende, eigentlich Kreaturen aus dem Gefolge von Mephisto. Abgesandte, die auf Mephistos Geheiß eine Revue veranstalten, um an Fausts Seele zu kommen.“

Spuck liebt es, Stoffe zu analysieren. Er findet nicht, dass er als Choreograf einen besonderen, anderen, choreografischen Zugang zu einem Opernwerk haben müsste. Auch wenn zehn Tänzer mit auf der Bühne stehen und es insgesamt eine sehr „bewegte“ Inszenierung werden soll. „Ich will doch nicht die Oper neu erfinden“, sagt er. Die Weise, wie er dabei eine lässig wegwischende Handbewegung macht, erzählt viel über den Choreografen und seine Karriere: Er braucht keine großen Gesten, um seine Bedeutung zu demonstrieren.  

Anders als bei Sasha Waltz, für die jeder neue Schritt ins Terrain der Oper der Eroberung und Aneignung einer Kunstform gleichkommt, wirkt der Schritt vom Tanz zur Oper für Spuck fast selbstverständlich. Er ist in einer traditionsreichen und in alle Richtungen offenen Ballettwelt zum Star geworden.

Als 20-Jähriger trainierte Spuck in der berühmten Stuttgarter Ballettschule John Crankos zwischen lauter 16-Jährigen. Seine Eltern hatten darauf bestanden, dass er vor einer Tänzerausbildung sein Abitur machte. 1995 wurde Spuck Tänzer beim Stuttgarter Ballett, 1998 brachte er dort sein erstes eigenes Stück heraus, drei Jahre später schon wurde er zum Hauschoreografen ernannt. Mit düsteren, beunruhigenden Balletten, virtuos, rasend schnell, an der Ästhetik von William Forsythe geschult. Spätestens da war Spuck seinen Eltern zutiefst dankbar. Ohne die intensiven Literaturkurse im Gymnasium und ohne die verstörenden Erfahrungen beim Zivildienst in der Psychiatrie, so sagte er später, hätte er niemals Choreograf werden können. In Stuttgart fand er bald zu seinen großen Themen und Stoffen. Vor allem das späte 18., frühe 19. Jahrhundert haben es ihm angetan. Büchner und E. T. A. Hoffmann vor allem, dessen düster-unheimliche Stoffe zu seinen beunruhigend-dynamischen Choreografien passen.

Fausts_Verdammnis_92_c_BettinaStoess

Biographie: Christian Spuck? wurde 1969 in Marburg geboren. Nach einer Tanz-ausbildung tanzte er 1993 bis 1995 bei Avantgarde-Choreografen wie Jan Lauwers von der Need Company und bei Anne Teresa De Keersmaeker in Brüssel. 1995 ging er als Tänzer ans renommierte Stuttgarter Ballett, dort begann er mit nur 29 Jahren eine steile Choreografen-Karriere. 2005 inszenierte er seine erste Oper. 2006 erhielt er den Deutschen Tanzpreis Zukunft, 2011 den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“. Seit der Spielzeit 2012/2013 ist er Direktor des Zürcher Balletts.

In Zürich geben sich, seit er die Ballettdirektion übernommen hat, die wichtigsten internationalen zeitgenössischen Choreografen die Klinke in die Hand: William Forsythe, Wayne McGregor, Douglas Lee, um nur einige zu nennen. Martin Schläpfer, dem anderen großen Ballettdirektor und Choreografen aus Düsseldorf (der als heißer Kandidat für das Berliner Staatsballett gehandelt wurde, an dem der glanzlose Spanier Nacho Duato die Ballettintendanz von Vladimir Malakhov übernehmen wird), hat Spuck sein berühmtes „Forellen-Quintett“ anvertraut. Es ist erst das vierte Mal überhaupt, dass Schläpfer eines seiner Werke herausgibt. Er sei dankbar, dass alle kämen, gleich von der ersten Spielzeit an, er fühle sich großartig unterstützt, sagt Spuck.

Sein Traum sei es, das Zürcher Ballett so weit zu bringen, dass die Choreografen weltweit Schlange stehen, weil sie so gerne dort arbeiten möchten. Es sieht so aus, als ob Spuck das gelingen könnte. Er hat gerade einen großartigen Lauf. Seine Version von „Romeo und Julia“ hat dem Ballett einen Dauerbrenner verschafft. Angesetzte Zusatzvorstellungen waren binnen zwei Stunden ausverkauft. Mehrere Compagnien haben bereits Interesse signalisiert, seine Inszenierung für das eigene Repertoire kaufen zu wollen.  

Weiterlesen: Stefan Neugebauer über „Spiels noch mal, Sam“  

Aber verkauft wird nicht. „In einer Zeit, in der die Compagnien weltweit fast das gleiche Repertoire tanzen, finde ich es wichtig, eine Compagnie mit einer eigenen Identität, mit eigenen Werken aufzubauen“, sagt Spuck. Seit er Ballettdirektor ist, so erzählt er, hat er kein Privatleben mehr. „Es ist noch anstrengender, fordernder, als ich dachte.“ Er will Ermöglicher sein, das zeitgenössische Ballett voranbringen, Kunst machen. Kurz lehnt er sich vor und seine Augen blitzen. So zurückhaltend und professionell er sonst auch sein mag.

Spuck hat eine Vorstellung von Ballettkunst, wie sie beim ungleich größeren Berliner Staatsballett nicht einmal von Ferne zu erahnen ist. Jemand wie ihn hätte es als neue Leitung des Staatsballetts gebraucht. Aber dafür inszeniert Christian Spuck in der Stadt jetzt zumindest eine Oper.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Bettina Stöss

Fausts Verdammnis Deutsche Oper, So 23.2., 18 Uhr; Do 27.2., 19 Uhr; Mi 5.3., 19.30 Uhr; Sa 8.3., 19.30 Uhr; Karten-Tel. 34 38 43 43

Mehr über Cookies erfahren