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Renй Jacobs dirigiert älteste Oper der Musikgeschichte

Rappresentatione_di_anima_et_di_corpo„Eher subversiv“ nennt sich Renй Jacobs. Er hat recht. Jacobs ist der wahrscheinlich wichtigste Dirigent der Welt, der noch niemals die Berliner Philharmoniker dirigiert hat. Er pfeift auf traditionelle Orchester und deren frisierten Klang. Auch die vergöttlichte Rolle traditioneller Pult-Maestri verschmäht er. Deswegen dirigiert er mit eher unfrisiertem Lockenkopf – und mit Bleistift statt mit Taktstock in der Hand. Seine eruptiven Stech- und Zupfbewegungen dabei erinnern eher an jemanden, der auf exzentrische Art Wäsche aufhängt.

In Berlin liebt man den Mann, der sich mit seinem Benelux-Akzent selber über die „belgische Alte-Musik-Mafia“ lustig macht, deren erfolgreichster Repräsentant er neben Philippe Herreweghe und Sigiswald Kuijken selbst ist. „In Berlin gibt es eine Grundtoleranz, aus der die Kunst lebt“, schwärmt er, während er auf einer Dachterrasse in Berlin-Mitte in die Sonne blinzelt. In Paris dagegen, wo er im Stadtteil Marais lebt, „ist alles meist so zerstritten, als würde der Buffonistenstreit des 18. Jahrhunderts noch immer andauern“.

„Potsdam ist herrlich!“, fährt es plötzlich aus ihm heraus. Weil er die brandenburgische Seenlandschaft liebt, erwägen er und seine Ehefrau Roubina neuerdings sogar, nach Berlin zu ziehen. „Durch das Schiller Theater habe ich erstmals die Gegend um die Knesebeckstraße lieben gelernt.“ Nun gut, da wären zweifellos noch ganz andere Entdeckungen machbar.
Sänger fürchten ihn. Als ehemaliger Counter-Tenor weiß Jacobs ganz genau, was er von seinen Opern-Protagonisten verlangen kann. Rene_JacobsEr quält sie so lange, bis sie die Rezitative so textplastisch, den Arienausdruck so dramatisch treffen, wie man das seit über 20 Jahren von Jacobs’ Opern-Dröhnungen gewohnt ist. Tatsächlich hat er den Alte-Musik-Geschmack in Berlin nicht nur gefördert. Er hat ihn überhaupt erst hergestellt. Mit Ausgrabungen wie Cavallis „La Calisto“, Reinhart Keisers „Croesus“ und einem Füllhorn von Händel-Opern betrat er Neuland. Und sozialisierte das Barock-Publikum der Hauptstadt – meist im Verein mit der Akademie für Alte Musik oder dem Freiburger Barockorchester. Jacobs, kein Zweifel, ist in Berlin inzwischen fast eine Art Fischer-Dieskau der Alten Musik. „Die Staatsoper ist das einzige Theater in Deutschland, wo Barock­opern regelmäßig mit spezialisierten Orchestern aufgeführt werden“, lobt Jacobs. Das geht nur, weil Staatsopern-Chef Daniel Barenboim jährlich mit seinem Orchester auf Tournee geht. Das Haus stünde ohne Jacobs leer. Dem Chef Barenboim ist Jacobs übrigens kaum je persönlich begegnet. „Wir haben ganz wenig Kontakt.“

Diesmal serviert Renй Jacobs, welcher immer mehr zu den Rändern des Barock-Repertoires vordringt, etwas ganz Altes. Der Wunsch für den Ausflug zum Frühbarock – „fast noch Renaissance“, so Jacobs – ging von Regisseur Achim Freyer aus. „Ich selber hatte nie die Absicht, Cavalieris ‚Rappresentatione‘ aufzuführen. Das Werk kam mir zu primitiv vor“, sagt Jacobs. „Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich geirrt habe. Es ist eigentlich höchst originell!“ Tatsächlich handelt es sich bei der „Rapresentatione di Anima et di Corpo“ („Das Spiel von Seele und Körper“) um die erste, szenisch aufgeführte und erhaltene Oper überhaupt. Emilio de’ Cavalieri, eine halbe Generation älter als Monteverdi, vereinte im Jahr 1600 erstmals Musik, Schauspiel, Literatur und Tanz zu einer neuen Darstellungsform. Im Grunde ein Gesamtkunstwerk. „Es war ein Versuch, das antike Drama neu zu beleben“, meint Jacobs. Wagners Konzeption des Gesamtkunstwerks im 19. Jahrhundert war also eigentlich ein alter Hut, ein alter Gedanke.

Die Aufführung mit Marie-Claude Chappuis, Johannes Weisser und Marcos Fink in den Hauptrollen verlangt von Jacobs ein zwischen Erde, Himmel und Hölle dreigeteiltes Orchester. Zwei davon auf den Seiten-Bühnen. Eines im Orchestergraben – als Symbol der Hölle. „Im Graben stehe ich“, so Jacobs, „also genau dort, wo ich hingehöre: in der Hölle.“ 

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Foto: Claerchen und Matthias Baus; 2006 Eric Larayadieu/ harmonia mundi


RAPPRESENTATIONE DI ANIMA ET DI CORPO

im Staatsoper im Schiller Theater,
z.B. am Fr 8., So 10., Mi 13., Fr 15., So 17.6., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 20 35 45 55

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