Theater

Renй Jacobs inszeniert Händels „Belshazzar“

Rene_Jacobs(c)Alvaro Yaneztip Sie bringen seit mehreren Jahren an der Staatsoper einmal pro Spielzeit Barockopern zur Aufführung, Opern, die man im üblichen Repertoire vergeblich sucht. Was wird sich durch die Kündigung des Intendanten Mussbach für Sie an der Staatsoper ändern?
Renй Jacobs Ich hoffe, dass die Zusammenarbeit weitergeht. Die nächsten beiden Produktionen sind gesichert, nächstes Jahr machen wir im Haydn-Jahr eine Haydn-Oper, „Orlando Paladino“. Ich finde, dass Haydn, vor allem seine Opern, zu sehr im Schatten von Mozart steht. Falls es hier nicht weitergeht, kann ich sicher immer noch gut schlafen, es gibt genug Arbeit. Aber es wäre wirklich schade, wenn wir diese Arbeit nicht fortsetzen könnten, auch, weil wir an der Staatsoper ein ungemein waches, aufmerksames Publikum haben, mit vielen jungen Leuten. Das Gegenteil des Snobpublikums, das nur Stars in Belcanto-Opern hören möchte, das ist das schlimms­te Publikum überhaupt. Das ist nicht so meine Sache.

tip Vor einem Jahrzehnt waren Barockopern eine Angelegenheit für Spezialisten, inzwischen haben sie ein großes Publikum. Ist das für Sie und das Publikum eine Entdeckungsreise in die Musikgeschichte?
Jacobs Absolut, und ich bin sehr froh, dass wir das an so einem wichtigen Opernhaus machen können, das ist einzigartig in Deutschland. Auf diesem Niveau geht das in Deutschland nur bei Fes­tivals und an der Staatsoper. Wir können die Opern mit historischen Instrumenten aufführen, also die Instrumente, für die Händel seine Musik gedacht hat, gespielt von der Akademie für Alte Musik, von Musikern, die auf Barockmusik spezialisiert sind. Das ist wunderbar. Die musikalische Modernität dieser Stücke ist immer noch frisch, und sie wird klarer, wenn man die historische Aufführungspraxis studiert. Es gab zum Beispiel sehr viel Improvisation der Sänger und der Musiker. Das gibt uns große Freiheiten, mit der Musik auf das Konzept der Regie zu reagieren. Je weiter man in die Operngeschichte zurückgeht, desto skizzenhafter werden die Kompositionen. Je treuer und genauer wir uns an der historischen Aufführungspraxis orientieren, desto größere Freiheiten haben wir, das ist ein schönes Paradox.

Belshazzar_(c)Annette_Webertip Händels „Belshazzar“, das Sie an der Staatsoper zur Aufführung bringen, ist keine Oper, sondern ein Oratorium, also ein sakrales Werk, von dem man eher erwarten würde, dass es in einer Kirche aufgeführt wird. Wie kommt das auf eine Opernbühne?
Jacobs Im Barock wurden Oratorien nicht nur in der Kirche aufgeführt. Die biblischen Oratorien von Händel sind für den Konzertsaal geschrieben. In diesen Oratorien hat Händel seine eigene Reform der Oper betrieben. Er hatte schon etwa 40 Opern geschrieben, und er hatte diese Form einfach satt. Er konnte den damaligen Opernalltag nicht mehr ertragen, mit Starsängern, dem Zwang, für diese Stars Da-capo-Arien zu schreiben, und der Unmöglichkeit, in der damaligen Opera seria einen Chor mit einzubeziehen. Er wollte diese Schab­lonenhaftigkeit der Barockoper nicht mehr. Von all dem konnte sich Händel in den biblischen Oratorien befreien. Er wollte für Chöre schreiben. In „Belshazzar“ steht der Chor sogar für drei Gruppen: die Babylonier, die gefangenen Juden, die Perser. In der Oper vor Händel wäre das undenkbar gewesen. Allerdings konnte Händel sein Oratorium nicht szenisch aufführen, dazu fehlte einfach das nötige Geld. Das war der Preis, den er für seine künstlerische Freiheit und die neue Form zahlen musste. Heute haben wir die Möglichkeit, diese Oratorien szenisch aufzuführen. Für mich sind Händels englische Oratorien Opern.

tip Sie erfüllen ein Vierteljahrtausend nach der Entstehung von „Belshazzar“ den Wunsch von Georg Friedrich Händel nach einer Opernaufführung seines Werkes?
Jacobs Ja, das kann man sagen.

… 


Text
: Peter Laudenbach

Lesen Sie das vollständige Interview im tip-Heft 12/08

Mehr über Cookies erfahren