• Kultur
  • Theater
  • René Pollesch denkt in „(Life on earth can be sweet) Donna“ über die Liebe und das Sterben nach

Deutsches Theater

René Pollesch denkt in „(Life on earth can be sweet) Donna“ über die Liebe und das Sterben nach

René Polleschs Theater ist in der Phase einer sehr lässigen Großmeisterschaft angekommen. Dem Regisseur und den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie einerseits das Pollesch-Spiel der Gedankenhochbeschleunigung mit großer Virtuosität in die vertrauten Umlaufbahnen schießen und andererseits dem Theater-Affen mit Lust an Slapstick, Entertainment und Rampensau-Könnerschaft Zucker geben, ist vor allem: eine große Freude.

v.l.n.r.: Bernd Moss, JudithHofmann, Jeremy Mockridge,Martin Wuttke, Milan Peschel. Foto: Arno Declair

Aus der Kampfansage ans bürgerliche Theater mit seinen Geschlechterklischees, Charaktermasken und Einfühlungsangeboten (aus der Pollesch-Abende früher einen Gutteil ihrer Energie gezogen haben) ist ein entspanntes, unglaublich leichtes Jonglieren mit Genrekonventionen geworden.

Polleschs neue Inszenierung am Deutschen Theater mit dem schönen Titel „(Life on earth can be sweet) Donna“ setzt dieses Spiel fort. Die fünf bestens aufgelegten Spieler Judith Hofmann, Martin Wuttke, Milan Peschel, Bernd Moss und Jeremy Mockridge widmen sich liebevoll zwei Antipoden der Theatergeschichte: Max Reinhardt, dem Gründervater des Deutschen Theaters und Erfinder der Drehbühne, und Herrn Bertolt Brecht, diesmal weniger in seiner Funktion als Kommunist, sondern als Theatertheoretiker, der mit dem Theater als Gefühlsdrogen-Lieferanten mit kalter Beobachtung Schluss machen wollte.

Die Bühnenbildnerin des Abends, die große Anna Viebrock, findet für das Spiel mit dem Theater und seinen Gesetzen ein so lustiges wie ergiebiges Bild: Gespielt wird am liebsten vor den Rückseiten der Kulissenwände, die auf ihrer Vorderseite graue Bungalow-Wände zeigen, angeblich ein Vorort in Stuttgart, die so trostlos funktional ist, damit ihre Bewohner schneller zur Arbeit kommen.

Die Drehbühne bewegt sich zwar noch, aber meistens ruckelt sie nur unentschlossen einen halben Meter nach links oder rechts. Die Effektmaschine ist defekt, was natürlich ausgiebig in lustigen Selbstreferenzschleifen über die „Salatschüssel“ kommentiert wird. Das schönste Theater findet ja sowieso im Kopf statt! Also setzt sich Wuttke mit einer Zigarette an die Rampe und schlägt vor, dass wir alle einfach die Augen schließen und uns vorstellen, was heute Abend alles passieren könnte – sozusagen die beste unsichtbare Theatervorstellung der Welt. Auch Brechts berühmter Text über die Beobachtung eines Verkehrsunfalls als Muster des Epischen Theaters dient vor allem als Scherzartikel, wenn die Schauspieler verkleidet als knallbunte Pappautos Auffahrunfälle durchspielen. Wuttke: „Ich bin kein Performer, ich bin Transformer!“

Bob Dylans Rolling Stone als Spielball

Darum, dass das Leben auf Erden süß sein könnte, Donna, wenn da nicht der Liebeskummer, das Älterwerden, die ewige Sehnsucht und andere Zumutungen wären, geht es natürlich auch. Dass das mit der Liebe zum Beispiel nicht immer einfach ist, ist kein Grund, Tiefsinnstrübsal zu blasen. Lieber wird das Themenfeld in immer neuen Gedankenanläufen umkreist („jetzt hör doch mal auf mit dem Verlassenwerden“) und in eine Art Beziehungsgespräch-Slapstick aufgelöst, wenn Wuttke im Kostüm eines depressiven Harlekins mit großer schwarzer Halskrause (Kostüme: Nina von Mechow) dem als Uwe Ochsenknecht maskierten Milan Peschel erklärt, was Distanz im Gegensatz zu Nähe bedeutet: Er rennt in die Tiefe der Bühne, bis wir ihn nicht mehr sehen, weg ist er, der von der Liebe Verlassene.

Auch das Älterwerden ist zwar einerseits traurig, wenn sich die Spieler über ältere Theaterkünstler unterhalten, die jetzt im Altersheim sitzen und an guten Tagen zum Theater radeln, dann aber nicht wissen, was sie da sollen. Andererseits macht man, weil sowieso alles nur ein Spiel ist, über das, was einen ängstigt, am besten Witze. Martin Wuttke, der die Kunst perfektioniert hat, sehr zerknittert und abgrundtief müde wie vom Jenseits des Grabes zu blicken, murmelt dann zum gut gelaunten Bernd Moss: „Sah der nicht jünger aus beim letzten Mal…“ Das Thema wird mit der beruhigenden Vorstellung variiert, dass wir am Ende alle auf der „Müllhalde“ landen, das relativiere die Bedeutung der ewigen Konkurrenzkämpfe doch sehr. Kommentar Judith Hofmann, die an diesem Abend mit großer Eleganz eine umwerfende Stoikerin gibt, die sich schon lange nichts mehr vormachen muss: „Also, ich find’s schrecklich.“

Von der Erwartung, dass Darsteller und Rolle so tun, als seien sie miteinander identisch, ist in Polleschs Theater nichts übrig geblieben. Diesmal wird die gute alte Rollenpsychologie verspottet, indem sich einfach alle Spieler gegenseitig Harry nennen. Wie in Hitchcocks Film „Immer Ärger mit Harry“ ein Leichnam für den schönsten Aberwitz sorgt, so benutzt Pollesch das in seinen Augen selig entschlafene, lächerlich anachronistische Theater des bürgerlichen 19.Jahrhunderts als Spielball, mit dem man viel Spaß haben kann. Vor allem, wenn man zusätzlich Vaudeville, Brechts Verfremdungseffekte, Persönliches, Pop, Theorieschlagworte und Dylans „Like a Rolling Stone“ ins Spielfeld schießt, sich bei Woody-Allen-Filmen bedient und aus dem Operntenor, der nur unter der Dusche singen kann, einen Schauspieler macht, der den besten „Lear“ der Welt spielt – aber leider nur, wenn niemand zusieht. Großer Spaß!

Termine: (Life on earth can be sweet) Donna im Deutschen Theater
12–48 €

Mehr über Cookies erfahren