Theater

Renй Pollesch: „Ich schau dir in die Augen…“

Wer lange nicht im Theater war, kann sich bei Renй Polleschs Volksbühnenabend „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“ bestens updaten: Der absolut bewundernswerte (Anti-)Alleinunterhalter Fabian Hinrichs legt sich gleich zu Beginn als Schleiertänzer von Salomйs und Medeas Gnaden ins Zeug, ruft als sehniger Animations-Maniac in Unterhosen wiederholt zum Mitklatschen, Mitsingen und Mitentspannen bei einer Art Theater-Yoga auf und wirft sich zwischendurch immer wieder in klassische Authentizitäts- und Einfühlungsposen. Kurzum: Hinrichs schmettert im Schnelldurchlauf ein grandioses „Worst of Stadttheater“ auf die Volksbühne, das jeder Zuschauer mit seinen Lieblingsfeindbildern füllen kann. Hinein passt alles, was Probleme anderer permanent zu den angeblich eigenen verkleinert und in der Regel als „interaktives Theater“ abgefeiert wird.

Wer sich darunter nichts vorstellen kann, weiß spätestens dann Bescheid, wenn Hinrichs mit einer elektrischen Zahnbürste auf einzelne Zuschauermundwerke losgeht: Einer trage des anderen Karies – die klebrigste Waffe des übergriffigen Empathie-Terrors!
Und natürlich ein einziger „Verblendungszusammenhang“, dem die Adorno-Experten Pollesch und Hinrichs frei nach dem Kulturphilosophen Robert Pfaller das „interpassive Theater“ entgegensetzen: „Der Schauspieler geht nach der Vorstellung mit Ihrer Partnerin nach Hause“, erklärt Hinrichs besagtes Gefühlsdelegationsmodell, „dann müssen Sie das nicht tun.“ Schließlich ist auch Emotionsproduktion harte Arbeit. Mehr noch als Pfaller liefert allerdings der Straßburger Philosophieprofessor Jean-Luc Nancy mit seiner Frage nach einer „Gemeinschaft des Ungemeinschaftlichen“ – also einem Gesellschafts- und Kom?munikationsmodell, das statt auf Ähnlichkeit und klebriger Zahnbürsten-Empathie auf Differenz basiert – die Stichworte. Während sich Pollesch thematisch treu bleibt, betritt er mit seinem Solisten Neuland: Hinrichs intoniert den Pollesch-Sound langsam wie zum Mitschreiben, in einer Mischung aus Märchenonkel und Prediger, die sich selbst in keiner Sekunde über den „allgemeinen Verblendungszusammenhang“ stellt. Und dass das interpassive Theater bei aller intelligenten Unterhaltsamkeit seine kleinen Längen haben muss, ist ja wohl Ehrensache!

Text: Christine Wahl
Fotos: Thomas Aurin

(tip-Bewertung: Sehenswert)

Termine: Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang
in der Volkbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte,
Mi 20.1., So 7.2., 19.30 Uhr


weitere Theater-Rezensionen

DER MENSCHENFEIND IN DEN DT-KAMMERSPIELEN

OTHELLO IM DT-KAMMERSPIELE

DIE EHE DER MARIA BRAUN IN DER SCHAUBÜHNE

ROSINEN IM KOPF AM GRIPS THEATER

PROMETHEUS GEFESSELT AN DER SCHAUBÜHNE

TRILOGY DER SCHÖNEN FERIENZEIT IM BE

THEATER UND BÜHNE IN BERLIN VON A BIS Z


Mehr über Cookies erfahren