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Renй Pollesch über die Unmöglichkeit des Theaters – Teil 2

Wie viele fette Komiker denken, dass sie Verführer sind! Sie können sich auf den Flirt verlassen, der in der Luft liegt, dieses widerliche Zeug, das dazu taugt, dass nichts gehört werden kann. Wissen Sie, wovon ich rede? Ich rede von dem diffusen Funkeln in der Luft, das eine Sphäre des blinden Verstehens sein soll, und das nur blind ist. So geht das nicht weiter! Wir können uns nicht hören. Und es kann jetzt nicht darum gehen, dass wir darüber jammern, dass wir uns nicht „zuhören“. Wir hören uns nämlich sehr genau zu. Wir können uns trotzdem nicht hören.

In Brechts  „Fatzer“-Lehrstück wird unter anderem folgendes gesagt:
Frage: „Woran also erkennt man die herrschende Art?“ Antwort: „Daran erkennt man die herrschende Art, dass sie sagt, daß es ohne Gewalt geht.“ Frage: „Wer aber weiß, dass es nur mit Gewalt geht?“ Antwort: „Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse.“ Da es eben kein Schaustück ist, wie in der heruntergekommenen „Johanna der Schlachthöfe“, kann es gehört werden. Es geht um keine Information darüber, wer da spricht, sondern es geht um eine große unteilbare unzerstörbare Masse. Fertig. Aber Sie kennen das Lehrstück eben noch nicht, sie kennen natürlich nur Schaustücke. Und deshalb hören Sie nichts. Haben Sie das denn gehört, „Wer aber weiß, dass es nur mit Gewalt geht? Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse.“ Sie sagen ja! Der Satz fiel meines Erachtens. Was heißt das? Antwort: Dass Sie ihn nicht gehört haben. Sie können sich erinnern, dass etwas ähnliches auch in „Johanna der Schlachthöfe“ fiel, aber da es ein Schaustück ist, kann es zwar empfangen, aber nicht gehört werden. Es kann verstanden werden. Sie sagen dann etwa, „ich hab es verstanden“, aber Sie haben es ganz gewiss nicht gehört. Vielleicht liegt es an diesem Flirt in der Luft und
daran, daß alle so nett sind, dass man nichts hört. Es ist im Theater eben nicht langweilig, weil es immer das Gleiche ist, sondern die Vielfalt ist zermürbend. Der Flirt in der Luft ist so ätzend. Ich erinnere mich an brasilianische Hip­hopper, die in Berlin gastierten, mit einem Stück, unter das der Regisseur elektronische europäische
Klänge gelegt hat. Durch den Flirt in der Luft überhörte man glatt, dass man den Jungs die Musik weggenommen hatte.

Von einem Zuschauer erwartet man nicht unbedingt, dass er sich mit etwas völlig anderem beschäftigt, sobald er das Theater betritt. Das, was er gleich sehen wird, soll ja irgendwie mit dem zu tun haben, woher er gerade kommt, aus seiner Wirklichkeit. Bei einem Schauspieler wird das nicht unbedingt erwartet. Sie werden nicht denken, der Schauspieler war gerade noch zu Hause mit Lügen beschäftigt, und jetzt geht er auf die Bühne und macht damit weiter. Nein, Sie wissen, er hat zu Hause
seiner Geliebten noch einen wahren Kuss auf die Stirn gedrückt, und Sie wissen, jetzt hier vor Ihnen macht er das alles nicht mehr. Der Kuss wird wahrscheinlich gelogen sein, und niemand hat was dagegen. Er macht etwas völlig anderes. Oder der schwarze Schauspieler, der gleich den Asylbewerber gibt. Er muss seinen deutschen Paß an der Garderobe abgeben und sich mit etwas beschäftigen, womit er rein gar nichts zu
tun hat. Objektiv betrachtet, ist das das Einzige, was die Realität vom Schaustück lernen kann: zu lügen und, jetzt kommt der wichtige Punkt dabei, dass es eben alle wissen. Nichts ist automatisch wahr. Wir betrügen Sie, aber Sie wissen es! Das allein wäre schon sinnvoll: Sich eben nicht mit dem Betrug zu beschäftigen, der Ihnen schadet, sondern mit dem, der Ihnen hilft. Da ist es schon Lehmann Brothers-technisch interessant, dass das Theater nichts über die Lügen sagen kann, von
denen Sie nicht wissen, dass sie Lügen sind. Ein Ort, an dem eine Lüge nur danach beurteilt wird, ob sie schlecht oder gut ist, und nicht danach, ob mit guten oder bösen Absichten gelogen wurde, ist das Theater. Es ist deshalb vielleicht der einzige Ort, an dem wir davon befreit sind, uns mit Kleinigkeiten wie der Ermittlung von „Absichten“ aufzuhalten. Es spielt keine Rolle. Die Situation ist die Mutter des
Menschen (und nicht das, was sie sagen). Das hat sich allerdings im Theater noch nicht so richtig herumgesprochen. Damit und mit der Durchschaubarkeit der Lüge, unterschlägt das Theater immer noch seine beiden bemerkenswertesten Eigenschaften.

Text: Renй Pollesch
Ftot: Thomas Aurin

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