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Renй Pollesch über die Unmöglichkeit des Theaters

Rene_PolleschDas Theater: Ein Ort, der von seinen Paradoxien lebt, im besten Fall gewollt oder ungewollt mit lauter Lügen die Wahrheit sagt und permanent Kommunikationsunfälle produziert. Für Pollesch ist die Frage nicht, warum das Theater nicht mehr funktioniert, sondern weshalb es überhaupt je funktionieren konnte.  Aus dieser Infragestellung sämtlicher Theaterroutinen entwickelt Pollesch in seinen Inszenierungen dann wieder sehr gutes, kluges und lustiges Theater. Beim Theatertreffen ist er nicht vertreten, Pech für‘s Theatertreffen. Seine Überlegungen über die Aporien des Theaters hat Renй Pollesch zu unserer Freude exklusiv für den tip geschrieben.

Sie haben jetzt wieder nur … gehört! Warum können wir nichts hören? Der Wille ist da. In manchen Theatern liest man zur Unterstützung der Inszenierung in Reclamheftchen mit. Alles für die Katz. Vielleicht hören wir gerade noch so, was unmittelbar vor der Rede steht, den Namen, also wer da spricht, zum Beispiel Phädra oder Theramen etc. Das war es aber auch. Und es ist kein böser Wille. Das merkt man vor allem an den Reclamheftchenbesitzern. Sie studieren, aber alles was sie lesen, ist: wer da was sagt, aus welcher Richtung gesprochen wird. Brechts Erfindung war: Wenn da niemand mehr sitzt, da unten, mit oder ohne Reclamheft, dann hört man was. Dann hört man auch das, was gesprochen wird. Und er hat natürlich recht. Ach ja, und wichtig ist natürlich auch, dass da oben niemand mehr steht. Und wichtig ist, dass da etwas „gehört“ werden will, und natürlich „gesagt“.

Jetzt haben Sie vielleicht gehört, damit wäre gesagt, man solle Zuschauer und Schauspieler abschaffen. Nein, Sie haben schon wieder nichts gehört. Sie haben verstanden – das tun Sie immer wieder gerne. Aber Sie haben nichts gehört. Also, es geht hier nicht darum, dass es keinen Grund geben würde, im Theater etwas zu sagen, aber man sollte dafür sorgen, dass es auch gehört wird. Und jetzt ist die Frage, wie macht man das? Wir müssen das Rad neu erfinden. Wir können uns nicht auf‘s Rad verlassen. Es hat uns verstanden, aber es hört uns nicht. Die Frage ist nämlich nicht: „Warum funktioniert es nicht mehr?“, sondern „Warum hat es überhaupt jemals funktioniert?“ Die Werke sind überzeugt von ihrer Ewigkeit. Und andererseits, nach Heinrich von Kleist, modert das Auge, „dass die Herrlichkeit erblicken könnte.“ Mein Vorschlag wäre: Die Werke modern, und nicht die Augen. Die Augen werden nur was anderes, wie sozialistische Schauspieler, die, nach Piscator, schwerer von der Idee des Regisseurs zu überzeugen sind. Dem Dramatiker würde ich sagen: Dein Körper wird bleiben. Jetzt haben Sie wieder nur „Körper“ gehört, das obszöne Wort, und „Sex“ oder so was. Oder: Ich sage zum Beispiel „Evolution ist kein weiteres Wort für Fortschritt.“ Und Sie hören „Evolution ist Fortschritt!“. Und das ist keine ganz normale Kommunikationsstörung.

Tränen rühren mich kaum noch. Ich sehe immer nur Leute, die heulen, weil sie Erfolg haben, bei einer Preisverleihung zum Beispiel. Aber es soll hier nicht um die Träne gehen und ihre Erfolgsgeschichte, sondern darum, dass das Mitgefühl doch nur eines produziert: uns selbst! So kann man nichts hören, wenn gerade nur wieder ein „Selbst“ produziert wird, oder in einem Dialog die dramatis personae, und kein Gedanke. In einem Dialog gibt es nichts anderes zu hören als, „wer ist das, der da spricht“. Nur, es führt zu nichts. Ein dicker deutscher Komiker, der anscheinend dafür bekannt war, dass er ab und zu auch als Duo arbeitete, wurde nach seinen Partnern gefragt. Er antwortete, dass es ihm bei seinen Partnern gar nicht darum ginge, der bessere zu sein, sondern es geht ihm um ein blindes Verstehen, und deshalb arbeitet er lieber mit Frauen zusammen. Da ist gleich etwas in der Luft, ein blindes Verstehen, ein Flirt. Unabhängig davon, ob er nun unbedingt das Bild eines klassischen Verführers abgibt, geht er davon aus, dass da etwas in der Luft ist, das ihn und seine Partnerin versteht.

An diesen Flirt musste ich auch bei dem Film „Evan almighty“ denken, in dem Steve Carell nach biblischem Vorbild eine Arche baut, in die schließlich die ganze Vielfalt von Zootieren passt. Man käme mit der Vielfalt auf der Arche Noah gar nicht klar, wenn nicht dieser Flirt in der Luft läge, ein blindes Verstehen, das die Vielfalt irgendwie zusammenhält. Wir sind alle so verschieden, scheinen sie sich zuzurufen, und gehen doch alle da rein! Aber da gehen, wie Brecht ebenfalls mal feststellte, und zwar im Berliner Ensemble, das damals sicher nicht wegen seiner Autorenvielfalt berühmt war, da geht eben immer dasselbe rein. Penis und Vagina, Penis und Vagina immer nebeneinander. Mal als Eisbären, mal als Orang Utans. Das ist so ungefähr der deutsche Dramenkanon. Es sieht nach Vielfalt aus, aber es ist immer das gleiche. Schaustücke.
Der Flirt in der Luft. Das ist das, was uns verstehen soll. Und die weibliche Partnerin denkt vielleicht wirklich, der ist ja nett, dem geht es gar nicht darum der Bessere zu sein, aber der verlässt sich auf den Flirt in der Luft. Der kann ruhig nett sein. Der kann in Ruhe auf die Gewalt vertrauen in der Luft, den Flirt, der das Einzige ist, was gehört wird. Aber es liegt nichts in der Luft, kein Text über uns, der uns verbindet. Es ist ganz einfach.

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