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Renй Pollesch über sein neues Stück „Schmeiss dein Ego weg!“

Rene Poleschtip: Renй Pollesch, die Volksbühne kündigt Ihr neues Stück mit einem lustigen Statement an: „Dieser Theaterabend stellt keine Meinung dar. Denn dann wäre er nur ein Theaterabend unter vielen. Dieser Theaterabend ist aber der Theaterabend schlechthin.“ Was bitte ist der Theaterabend schlechthin?

Renй Pollesch:?Das klingt entweder größenwahnsinnig oder nach einem Witz, aber es versucht damit umzugehen, dass alles, was du auf der Bühne sagst, nur als die Meinung von jemandem wahrgenommen wird. Und gestern Abend hat eben jemand anderes auf der gleichen Bühne eine andere Meinung bekannt gegeben. Die Gefahr ist immer, dass ein Theaterabend als eine Meinung unter vielen neutralisiert wird, aber wenn nur Meinungen gegeneinander antreten, gibt es keine Lösung.

tip: Sie arbeiten jetzt zum ersten Mal mit Margit Carstensen …

Renй Pollesch: … die ich extrem verehre. Sie ist großartig.

tip: Sie haben oft mit Volker Spengler und gelegentlich mit Irm Hermann gearbeitet, die beide wie Margit Carstensen große Rollen in wichtigen Fassbinder-Filmen gespielt haben. Ist diese Affinität zu Fassbinder-Schauspielern Zufall?

Renй Pollesch: Volker Spengler wollte ich unbedingt kennenlernen. Wir haben uns sofort verstanden, eine total beglückende Begegnung. Jetzt hat Martin Wuttke vorgeschlagen, dass wir Margit Carstensen fragen, und ich war damit natürlich sofort einverstanden. So kommen die Sachen meistens zustande. Margit Carstensen hält uns bei den Proben den Rücken gerade.

tip: Weil sie zum ersten Mal mit Ihnen arbeitet und einen eigenen Tonfall mitbringt? Schützt das vor Gemütlichkeit?

Renй Pollesch: Gemütlichkeit ist tödlich im Theater. Es gibt das Missverständnis, dass es bei uns gemütlich zugeht, weil ich mich nicht als autoritärer Regisseur äußere. Im Gegenteil, wir arbeiten nicht hierarchisch, aber die Proben sind nicht kuschelig, es ist nur seriöser, als sich auf eine Autorität zu beziehen. In der Sendung „Kulturzeit“ sagen die Moderatoren schon mal,  dass der Regisseur so rumgeschrien hat, hat sich für  die Premiere außerordentlich gelohnt. Das ist natürlich die Kinderkacke und nicht wir.

tip: Peter Stein sagt über den Beruf des Regisseurs den schönen Satz: „Wir sind polyvalente Huren“, also Profis, die heute eine antike Tragödie und morgen ein Boulevardstück inszenieren und übermorgen irgendwas Modisches gegen den Kapitalismus.

Renй Pollesch: Ich fand es schon immer sehr unernst, wenn ein Regisseur diesen Monat einen Tschechow macht und zwei Monate später einen Shakes­peare. Diese ewige Abfolge finde ich, naja. Ich bleibe wenigstens bei einem Autor.

tip: Namens Renй Pollesch.

Renй Pollesch: Genau. Das Problem ist, dass jeder Satz, der in einem Stück gesagt wird, immer nur der Identifizierung dient: Ach, wenn der das sagt, dann ist das der Zyniker und weil der sich authentisch äußert, ist das der Gute … Der Inhalt, das, was gesagt wird, wird nicht gehört. Die Frage ist, wie kommt man an Inhalte ran? Ich glaube nicht, dass Moral oder Psychologie auf der Bühne überhaupt Mittel sein können, um an ein Problem in all seiner Komplexität ranzukommen.

tip: Ist das Problem am Ende, dass jeder Theaterabend halt nur ein Theaterabend ist?

Renй Pollesch: Jeder kann behaupten, dass er das ernst meint, was er sagt, aber das sind lauter authentische Modelle. Das ist nur Abgrenzung, um sich selbst als Label, als kritischer Regisseur oder Autor etwa, zu definieren. Die Leute, die in Berlin gentrifizierungskritisch Autos anzünden, sind natürlich auch touristische Faktoren. Wenn du in der Provinz hörst, in Berlin haben wieder die Autos gebrannt, ist das ein Grund, als Tourist hierher zu fahren.

Rene Poleschtip: Man könnte auch vermuten, dass die karnevalistischen Krawalle am 1. Mai in Kreuzberg längst von „Berlin Partner“, der Stadtmarketing-Agentur, arrangiert werden. Das gehört einfach ins Bild der hippen Metropole.

Renй Pollesch: Das ist vielleicht etwas überspitzt, aber da ist das Problem: Wo ist eigentlich der Kampfplatz? Wo ist die Opposition? Peymann wünscht sich auch brennende Straßen, aber vielleicht braucht er auch nur ein Thema.

tip: Der Soziologe Gerhard Schulze beschreibt das Spiel der Meinungen und Stilmittel im Kulturbetrieb einigermaßen sarkastisch: „Alles ist erlaubt: Unverständlichkeit, Behaupten ohne Begründen, Schwadronieren,  Arroganz und bloße Selbstinszenierung.“ Der scheinbare Gegenpol zum Reich des Sachzwangs, die Kunst als angebliches Reich der Freiheit, ist in dieser Perspektive ein hochtourig leer laufender Betrieb, in dem alles geht, weil es um gar nichts mehr geht.

Renй Pollesch: Alles geht, weil es im Pluralismus eh egal ist. Das sind alles Befehle, dazu sind wir aufgefordert, nicht nur im Theater und im Kulturbetrieb. Das ist der Kern dieser Erlebnisgesellschaft: Wir müssen schwadronieren, wir müssen über unsere Sexualität reden. Wir müssen uns selbst inszenieren, wir sind zum Selbst gezwungen, wir müssen uns abgrenzen, daraus besteht unsere Identität. Und wir verkennen zum Beispiel auch widerständige Selbste. Es könnte im Theater vielleicht um eine Sprache gehen, die mit dem kommuniziert, was wir zugunsten dieser einen Sache verwerfen, die das Subjekt sein soll. Der Trick ist, dass wir diese Konsum- und Identitätsbefehle wirklich für unser eigenes inneres Erlebnis halten sollen, das Subjekt, das wir in dieser Erlebnisgesellschaft akkumulieren, um dazuzugehören. Was wir für unser Innerstes halten, ist natürlich das Ergebnis von einem Haufen Verwerfungen, die wir vornehmen, um nicht ausgeschlossen zu sein.

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