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„Kill Your Darlings!“ mit Fabian Hinrichs beim Theatertreffen

Kill_Your_Darlings_StreetsOfBarladelphiaNach knapp zwei Stunden Gespräch mit Fabian Hinrichs in einer Neuköllner Bäckerei sieht die Welt definitiv anders aus. „Wir müssen diese ganzen Allgemeinplätze und Zurichtungen und herkömmlichen Erzählungen, denen wir ausgeliefert sind, erkennen und benennen“, hat der Performer und Theatermacher eindringlich gefordert. „Die sind der Feind.“ Oh ja. Genau das hat Hinrichs mit leicht belegter, aber insistierender Stimme und zwingenden Blicken unter der hohen Stirn hervorgetan: Er hat erzählt, wieso ihn die SMS „Wollen wir heute zusammen Pizza essen gehen?“ so niedergeschlagen hat. Er hat sich gefragt, warum ältere Paare, wenn die Kinder aus dem Haus sind, oft so traurig um den Stausee spazieren: „Sie hat die Haare blondiert, er trägt die Jacke von Peek&Cloppenburg, und das Leben wird immer weniger.“ Und er hat von dem Freund erzählt, der auf die Frage, ob er denn jetzt verliebt sei, ratlos „Hm, weiß nicht“ geantwortet hat.
Für Fabian Hinrichs sind das mehr als ein paar banale Anschauungen und Anekdoten aus dem „sogenannten Bekanntenkreis“. Es sind Fundstücke aus dem Alltag, an die sich die ganz großen philosophischen und auch politischen Fragen unserer Gegenwart knüpfen lassen: Läuft hier nicht etwas Fundamentales schief? Geht es auch anders? Wie wollen wir leben – und lieben?

Auch in „Kill Your Darlings! The Streets of Berladelphia“, der klugen, witzigen und zum Theatertreffen eingeladenen Gemeinschaftsproduktion von Renй Pollesch, Fabian Hinrichs und Bert Neumann, umkreist Hinrichs mit einem so buchstäblichen wie kapitalistischen „Netzwerk“ aus 15 Berliner Jungturnern diesen Fragenkomplex und stellt unbarmherzig fest: „Das reicht doch nicht, da fehlt doch was.“
Eine Diagnose, die Hinrichs innerer Kompass schon öfter gestellt hat. Der 36-jährige Polizistensohn aus Hamburg-Bramfeld, der „nie im Theater war und auch kein Cineast, der aber immer viel gelesen, Musik und Sport gemacht“ hat, hat sich immer wieder „aus allen Kerkern herausgewunden“ (und höchstens in selbst gewählte begeben): aus der kleinbürgerlichen Herkunft, aus dem Jura-Studium, obwohl er einer der Besten seines Jahrgangs war, selbst aus dem ersten Engagement nach der Schauspielschule in Bochum, das ihn im Jahr 2000 gleich an die Volksbühne führte.
Dort spielte er bei Frank Castorf („Endstation Amerika“, „Forever Young“), Schlingensief (als Christoph Schlingensief in „Atta Atta“) und Renй Pollesch (zum Beispiel in „Stadt als Beute“) – ein großer Junge mit kantigem Körper und Bubengesicht, dessen Intelligenz und Witz überall ins Auge stachen.

Dennoch kündigt er 2004, spielt an Theatern in Hamburg und München, lehnt ein gutes Angebot aus Wien ab, schreibt sich für ein paar Semester Politik und Philosophie an der Uni ein, dreht etliche Filme mit Freunden, fürs Fernsehen und zum Geldverdienen und sucht sich selber seine Partner: „Ich möchte keinen Chef haben, ich brauche keinen Regisseur. Jemand in der dritten Reihe, der die Leute anschreit, das ist schwierig für mich. Mir reicht es einfach nicht, Erfüllungsgehilfe zu sein. Auf der anderen Seite möchte ich auch niemandem Anweisungen erteilen. Renй, Bert und ich sind eine Band, wir machen das zusammen. Uns kann man nicht ausei­nanderdividieren.“
Theaterstücke zu spielen, die man nicht selbst verantwortet, auch das kommt Fabian Hinrichs heute höchst seltsam vor. Die Solostücke, die er etwa mit dem Regisseur Laurent Chйtouane erarbeitet hat, nimmt er davon aus: Aus „Hamlet“ wurde beispielsweise „Hinrichs. Prinz von Dänemark“ (2007), wo Hinrichs in herrlich O-Beine-unterstreichenden Unterhosen nicht nur den Hamlet, sondern auch sämtliche weitere Figuren spielte. Shakespeares Drama wurde dabei benutzt und ergänzt und so systematisch zerhäckselt wie der Rotkohlkopf, den Hinrichs in der Totengräberszene mit einem gewaltigen Messer zu Krautsalat schlug; der „Sein oder Nichtsein“-Monolog auf Zetteln im Publikum verteilt, frei nach dem Motto „Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man schreiben“.

Chйtouane war für Hinrichs so ein „Partner“ im Theater, wie es zurzeit und nach zehnjähriger Pause jetzt wieder Renй Pollesch ist. „Wir treffen uns immer wieder, ein ganzes Jahr lang, und erzählen uns was“, erklärt Fabian Hinrichs, der auf diese Weise mit Pollesch auch „Der perfekte Tag“ und das Solo „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“ entwickelt hat. „Kill Your Darlings!“ hat dabei so kuriose Hintergründe wie den, dass Hinrichs in einer depressiven Hotelzimmernacht vor dem Fernseher ins „Feuerwerk der Turnkunst“ zappte, wo ehemalige Turnprofis sich nach dem Ende der Karriere in einer Show etwas dazuverdienen. „Die haben dieselben Übungen wie sonst gemacht, aber in Kostümen. Zum Beispiel im Krakenkostüm. Deshalb kam uns die Mehrwerttheorie in den Sinn.“
Der Stücktitel „Kill Your Darlings!“ ist die Maxime eines mit Hinrichs befreundeten Cutters, der weiß, dass Regisseure sich am schwersten von den Szenen trennen, die von der herkömmlichen Plotfolge abweichen.
Und der Auftakt, zu dem Hinrichs zu einem aus Springsteens „Streets of Philadelphia“ heraus vergrößerten Drum-Loop von der Decke schwebt, geht auf das tragikomische Ende des berühmten Kulturhistorikers Egon Friedell zurück, der, als die SA an die Wohnungstür klopfte, aus dem dritten Stock sprang und zuvor höflich nach unten rief: „Treten Sie bitte zur Seite, ich springe!“
„Ich rede so viel“, unterbricht Hinrichs sich plötzlich, „aber bei einem Interview besser als einsilbig, oder?“ Tatsächlich sprudeln die Assoziationen und Zitate nur so aus ihm heraus, ohne Hektik, ein konzentrierter und treffend veranschaulichender Inspirationsfluss. „Methode Walfisch“, nennt Hinrichs das Prinzip, Gedanken und Informationen in möglichst großen Flutwellen anzusaugen und zu sehen, was davon hängen bleibt. Kein Wunder, dass man sich gerne mit ihm zum geistigen Pingpong trifft! In unser Gespräch fließt beispielsweise immer wieder Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ ein und dessen Formulierung „Verliebt ins Gelingen“, in die sich wiede­rum Fabian Hinrichs verguckt hat; außerdem Albert O. Hirschmans soziologische Unterscheidung zwischen Interessen, die mit dem Siegeszug des Kapitalismus die Leidenschaften gezähmt haben und an ihre Stelle getreten sind. Zwischendurch kommen immer wieder unglaubliche Hinrichs-Sätze, die man sich gleich an die Wand pinnen möchte: „In der Liebe und in der Kunst hat man keine Wahl!“
Eins jedenfalls ist klar: Fabian Hinrichs steht auf der Seite der Leidenschaften. Egal, ob er sich mit Philosophie beschäftigt oder zum Ausgleich Rad fährt, Berg steigt, Sport treibt. „Es geht dabei nicht um Leistung oder permanentes Wachstum“, sagt er, „sondern um Spiel, Sport, Spaß.“ Fast kindliche Kategorien, allerdings bewusst gewählt und reflektiert. Eben dieses gelungene Zusammenfallen von Abstraktem und Konkretem, von Gedanken und Körperlichkeit führt Fabian Hinrichs wie kein Zweiter in „Kill Your Darlings!“ vor und auf: Ein energiestrotzender, auch körperlich keinen Moment zu übersehender Spieler, der laut und glasklar darüber nachdenkt, wie schwierig Nähe jenseits von Profit, Paarbeziehung und Familie, aber auch darin, für uns geworden ist. Im Lauf der Geschichte wie im Lauf einer Biografie.
„Wie soll das dann gelingen?“, seufzt Hinrichs auch jetzt in der Bäckerei. „Man muss da schon ringen. Ich will ja auch, dass es gelingt. Wie sagt Toni Negri: ‚We must try!‘“

Eine Möglichkeit der Nähe, ob mit Freundschaft oder ohne, ist in seinen Augen die Band. Und deshalb wird sein nächstes, selbstverantwortetes Projekt auch ein Musiktheaterprojekt sein, eine eigens mit dem Element-of-Crime-Gitarristen Jakob Ilja gegründete Band, die einen 70-minütigen Song spielt mit dem schönen Arbeitstitel „Die Zeit schlägt dich tot“. Der Satz stammt übrigens von Henry Miller, für den Titel hat ihn Hinrichs Freundin vorgeschlagen. Das partnerschaftliche Kunstmachen quer durch Raum und Zeit steht in schönster Blüte. 

Text: Eva Behrendt

Foto: Thomas Aurin

Kill your Darlings! Streets of Berladelphia
30.4., 9.5., 19.30 Uhr,
16.5., 21 Uhr,
in der Volksbühne,
Karten-Tel. 24 06 57 77

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