Theater

„Retro-Muschi“ im Tipi am Kanzleramt

Frau Nick, was ist, bitte schön, eine „Retromuschi“?
Das bin ich, und zwar in einer Retrospektive. In einer Vintage-Show, in der ich mich erstmals in meiner Karriere dem Chanson der 20er Jahre widme. Es ist voll retro. Und da diese Epoche fast 100 Jahre her ist, singe ich nicht vom Blatt. Sondern nehme kein Blatt vor den Mund und erzähle dabei alles vom Dritten Reich über den II. Weltkrieg, die 50er und 60er Jahre, die Frauen- und Schwulenbewegung gleich mit. Sonst könnten sich die Leute ja auch stattdessen eine Platte auflegen.

Sie singen?
Und ich tanze! Es handelt sich geradezu um vertanzten Geschichtsunterricht. Schließlich habe ich an der Stelle, wo heute das Tipi steht und wo früher der Todesstreifen nicht weit weg war, schon als Kind im Dirndl mit Oma gesessen. Der Tiergarten hat eine besondere Bedeutung für mich.

„Retromuschi“ ist trotzdem ein schlimmer Titel, oder nicht?

Wissen Sie, zehn Jahre nach den „Vagina-Monologen“ und 15 Jahre nach „Shoppen und Ficken“ wundere ich mich, dass jemand bei so einem Titel stutzt. Muschi heißt heute jede dritte Hauskatze. Und Herr Stoiber nennt seine Ehegattin so.

Sie kündigen „Drag“ an. Aber es sieht mir eher nach „Burlesque“ aus!
Seit das Fernsehen Medientunten wie Harald Glöckler und Olivia Jones für sich entdeckt hat, nehme ich das nicht mehr so genau. Beanworten Sie mir die Frage, ob diese beiden oder ob Nina Ruge stärker geschminkt ist! Dann kann auch ich mich genauso gut als Drag verkaufen. Ich mach’s besser.

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Sie kultivieren, so heißt es beim Tipi, eine „Politik der niedrigen Erwartung“. Ist das nicht schädlich?
Bin ich immer gut mit gefahren … Durch die hochtrabenden Maulhuren, die überall zu sehen sind, ist das Wort „Star“ ja abgegriffen. Da muss man drunter gehen. Der rote Teppich ist zur Geisterbahn verkommen. Da tummelt sich eine Berliner Hartz IV-Prominenz, deren verstrahlte Selbstwahrnehmung mich wenig lockt. Es gibt reichlich Leute, die großartig sind. Von denen kennt man nicht einmal den Namen.

Sind Sie eigentlich mit Edmund Nick, dem Komponisten der Operette „Das kleine Hofkonzert“, verwandt?
Ja, und das bin ich noch nie gefragt worden. Er ist ein Onkel väterlicherseits. Leider bin ich getrennt von diesem Teil der Familie aufgewachsen, daher weiß nicht übermäßig viel von ihm. Aber Familientalent lässt sich eben nicht ersticken. Sein „Halsband der Königin“ ist bestimmt kein schlechtes Werk. Deswegen hab’ ich eben auch diesen Draht zu den 20er Jahren. Zu Friedrich Hollaender und Fritzi Massary und all dem. Kommt jetzt alles zurück bei mir.

Artwork: Jörg Eschenburg

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