Theater

„Return to sender“ im HAU

Return to sender

Berlin-Mitte, Wilhelmstraße. Genau hier tagten vor 130 Jahren Europas Kolonialmächte. Eingeladen hatte Fürst Otto von Bismarck. Nach einem Jahr Verhandlung gaben 14 europäische Regierungen am 26. Fe­bruar 1885 bekannt, wie sie den afrikanischen Kontinent unter sich aufzuteilen gedachten. Es war eine Meisterleistung der Geostrategie: In Berlin zog man auf der Landkarte nationale Grenzen, verpackt in schöne Worte. Erstmals versprach man Entwicklungshilfe. ?Auch die Kirchen träumten von der „Missionierung“ Afrikas.
Die neuen Grenzen am Reißbrett waren noch virtuell genug in dieser unübersichtlichen Landschaft aus Wüste und Dschungel. Heute aber pocht die EU genau auf dieses „Völkerrecht“, wenn sie ihre Grenzen sogar mitten in Afrika verteidigt. Beispiel Mauretanien an der westafrikanischen Küste: In einer Region mit sehr mobilen Bevölkerungen finanziert Europa ein „Management der Migration“, um mit Millionensummen auch traditionell weniger Sesshafte zwischen Senegal und Mauretanien in „Legale“ und „Illegale“ zu sortieren. Aus Angst vor Flüchtlingen. Die Folge ist: Überall in Afrika blühen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.
Return to senderZum Jahrestag dieser Kolonialisierung und Nationalisierung Afrikas veranstaltet das HAU das Festival Return to sender. Eine Woche lang zeigt man eine Mischung aus Lecture- ?und Tanzperformances. Das Berliner Kollektiv andcompany&Co will die einstigen Geschehnisse in der Berliner Wilhelmstraße nachzeichnen. Die beste Kulturzeitschrift Afrikas, die „Chimurenga Chronic“ des He­rausgebers Ntone Edjabe, vergleicht die in Berlin erschaffenen Nationen mit Flugzeugen, deren weiße Piloten im Moment der Unabhängigkeit mit dem Fallschirm ausstiegen. Nun übernahmen schwarze Piloten das Steuer: plünderten weiter und unterdrückten weiter.
Seither will Afrika so weiß sein wie die Weißen. Sagt der Star des afrikanischen Tanzes, Boyzie Cekwana. Zusammen mit der Holländerin Nina Stöttrup Larsen errichtet er im HAU1 einen afrikanischen Gerichtshof gegen die Europäer, nach UN-Vorbild. Natürlich geht es um Wiedergutmachung. Aber was in Afrika kann man wiedergutmachen, wenn aus kolonialen Interessen nur mehr nationale Inte­ressen geworden sind? Der Ägypter Adham Hafez lässt dazu den einstigen Kongress von Berlin noch einmal tanzen, verlegt ihn aber ins Jahr 2065. Er hofft, ein dritter Weltkrieg würde die europäische Dominanz ausradieren. Keine andere Tanzfantasie zeigt so deutlich, wie hilflos die afrikanische Kultur im Umgang mit dem europäischen Einfluss ist.
Return to sender„Postkolonialismus“ ist hier ein Unwort. Denn das Geld kommt weiterhin aus Europa (und Indien und China). Auch für die Tanzkunst der Destino Dance Company aus Äthiopien, die stur nach einer eigenen Identität sucht. Hier wehrt man sich gegen alle, die von außen kommen. Äthiopien ist eine Autokratie, die immer wieder die Gutmenschen der Entwicklungshilfe vor die Tür setzt – wegen Einmischung in innere Angelegenheiten.
Der Tänzer Sifiso Majola aus Südafrika nennt dies die „koloniale Mimikry“. Afrika verhalte sich spiegelbildlich zu Europa. In „Run silent, run deep“ zeigt seine Tanzbühne, wie afrikanische Politiker im Namen einer nationalen Identität sich noch nationaler verhalten als Europäer. Kein Wunder. Europa brauchte immerhin zwei Weltkriege, um ein Kontinent zu werden. Weltkriege, für die auch Afrika Soldaten exportieren musste – das Thema des kongolesischen Choreografen Faustin Lin­yekula.
Anders gestrickt sind nur die Arbeiten der aus Marokko stammenden Bouchra Ouizguen. Sie leckt in ihrem neuen Stück „Ha!“ keine historischen Wunden, sondern übt Widerstand gegen die Vereinnahmung der afrikanischen Künste (auch gegen den Islamismus, einer weiteren Kolonialmacht). Wenn sie mit ihren Aitas auf die Bühne tritt, versprühen die Damen die Anmut japanischer Geishas und die Erotik europäischer Kurtisanen. Die hochprofessionellen Tänzerinnen und Sängerinnen zeigen, was nordafrikanische Kunst sein kann, wenn sie sich vor gar nichts fürchtet und nur den Weg zur Schönheit geht – gegen die Herrschaft der Administration, auch bei der Verteilung europäischer Gelder an afrikanische Künstler, gegen alle Anmaßung, was in Europa als zeitgenössisch zu gelten habe, und natürlich gegen das, was islamistische Gotteskrieger als völlig unschicklich definieren: die Kunst als solche.

Text: Arnd Wesemann

Fotos von oben nach unten: Faustin Linyekula, Bouchra Ouizguen, Val Adams

Return to sender, HAU, Fr 6.3.–So 15.3., Karten: www.hebbel-am-ufer.de, Tel. 25 90 04 27

Banana Republics, Fr 6.–So 8.3., Di 10.3.–Sa 14.3., 19 Uhr, HAU1
2065 B.C., Fr 6.+Sa 7.3., 19 Uhr, HAU3
Ha!, Fr 6.+Sa 7.3., 20.30 Uhr, HAU2
Solo für Maria / Ene Man Negri, So 8.3., 17 Uhr, HAU1
Run silent, run deep, Di 10.+Mi 11.3., 19 Uhr, HAU3
Black Bismarck revisited, Di 10.3., 20.30 Uhr, HAU2
Nzela ya Mayi, Do 12.3., 19 Uhr; Fr 13.3., 20 Uhr, HAU1
Telepathic Relay, Do 12.3., 20.30 Uhr, HAU2
Travelling Trees / Aunt Safety’s Practical Guide to Safe Art Practice, Sa 14.3., 19 Uhr; So 15.3., 17 Uhr, HAU3
Statue of Loss, Sa 14.3., 20.30 Uhr; So 15.3., 19 Uhr, HAU2

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