Theater

Rezension zu „Die Ehe der Maria Braun“

Die_Ehe_der_Maria_Braun„Ich bin eine Meisterin der Täuschung“, sagt Maria Braun in Rainer Werner Fassbinders Porträt einer Selfmade-Frau der westdeutschen Nachkriegszeit, „ein Werkzeug des Kapitalismus bei Tag und bei Nacht eine Agentin der werktätigen Massen. Die Mata Hari des Wirtschaftswunders“. Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier inszenierte im Juni 2007 die dramatische Fassung und Umkehrung der „Ehe der Maria Braun“ (1979) an den Münchner Kammerspielen – mit vier Meistern der Täuschung: Steven Scharf, Bernd Moss, Hans Kremer und Jean-Pierre Cornu kreisen darin wie höchst bewegliche Trabanten um den kühl leuchtenden Planeten Brigitte Hobmeier. Sie spielt die vom Krieg gepanzerte, sphinxhafte Materialistin Maria, die ihren gefallen geglaubten Ehemann mit einem schwarzen GI betrügt, jenen bei dessen überraschender Rückkehr umbringt und ihrem Mann, der an ihrer Stelle ins Gefängnis geht, ein Leben lang schuldhaft verbunden bleibt.
Indessen schlüpfen die Männer in sämtliche Nebenrollen, gleichgültig welchen Geschlechts. Mit ein paar Handgriffen, raschen Requisiten- und Tonlagenwechseln verwandeln sich in Nina Wetzels 50er-Jahre-Salon weiße Ehemänner in schwarze Liebhaber, Mütter in Industriedirektoren und Standesbeamte in Notarinnen. Schnelle, kleine, leichte, für den „Realis­ten“ Ostermeier bis dahin ganz untypische Metamorphosen kompensieren nicht nur den technischen Vorsprung des Films, sondern auch die Schwere einer biografischen Achterbahnfahrt, die unaufhaltsam in Richtung Tragödie zielt. Der Abend wächst so über die Nacherzählung des Filmplots hinaus, wird zum Panorama einer erstaunlich wilden Adenauer-Ära und zur verspielten Gender-Studie, in der ausnahmsweise die Frau mit sich identisch ist. Was Maria Braun auch nichts nützt, als sie am Ende erfährt, dass sie selbst Spielball ihrer Männer war. Nach einer Einladung zum Theatertreffen 2008 wird der eleganteste Ostermeier aller Zeiten nun von der Schaubühne ins Repertoire übernommen.

Text: Eva Behrendt
Foto: Arno Declair

(tip-Bewertung: Sehenswert )

Termine: Die Ehe der Maria
an der Schaubühne, So 20.12., Mo 21.12, Di. 22.12, 20 Uhr

 

 

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