Theater

Rezension zu Hamlet in der Schaubühne

 
HamletAuf dem neuen Spielzeitplakat der Schaubühne guckt Lars Eidinger in seinem weißen T-Shirt wach und unschuldig in die Welt, er sieht aus, als wolle er bloß niemanden verschrecken. Und auch die Parole, mit der er sich hier zu Promozwecken vorstellt, ist von größtmöglicher Nettigkeit: „Bereit sein ist alles.“

Aber der Hamlet, den er zum Saisonauftakt der Schaubühne in Thomas Ostermeiers Inszenierung spielt, ist dann erfreulicherweise ein einziges, schwer verstrahltes Dementi dieser aufgeräumten Berlin-Mitte-Harmlosigkeit: Breit sein ist alles. Der junge Mann mit den strähnigen Haaren und dem nervösen Flattern im Blick ist für seine Mitmenschen und für sich selbst eine einzige Zumutung, ein Soziopath, der „fickn, fickn, Votze, fickn“ murmelt, in unkontrollierte Zu­ckun­gen fällt oder seinen na­ck­­­ten Körper in einer kleinen Performance mit Blut und Milch bespritzt und in Plastik­folie einwickelt wie in einem 80er-Jahre-Happening.

Aber vielleicht ist das ja alles nur Show, eine Show, um den Aufpassern und Machthabern des korrupten Hofstaats Wahnsinn mit Methode vorzuspielen, aber auch eine Show der Selbstberauschung und Selbstinszenierung als überdrehter Überempfindlicher und Manisch- Depressiver, der in guten Phasen auch mal den Party-Diktator und DJ macht. Wie um vorzuführen, dass sich alles, wirklich alles, auch die Momente echter Verzweiflung und des ratlosen Selbstgesprächs, immer auch in theatralischen Mustern bewegt, tastet sich Eidingers Hamlet gleich drei Mal, auf jeweils sehr unterschiedliche Weise, durch den berühmten Selbstmörder-Monolog To be or not to be mit dem Sehnsuchtswunsch, endlich „sterben schla­fen, vielleicht, ach, träumen“ zu dürfen.

Einmal, ganz am Anfang, spricht er ihn in seine kleine Kamera wie ein verstörter Teenager in irgendeiner Suburb (oder wie ein Widergänger des alten Castorf-Life-Video-Theaters). Ein anderes Mal schließt er zwei Theaterstile kurz und tobt wasserspritzend, die Fäuste in zwei Tetrapaks für billigen Wein gerammt, auf die Festtagstafel, um dann höhnisch mit rollendem R das ganz alte Deklamations- und Pathostheater zu parodieren.

Als hätte er mit diesen Übertheatralisierungen alle Äußerlichkeiten hinter sich gelassen, ist der dritte Durchgang durch den Monolog dann ganz pur, unverstellt und scheinbar privat – aber da wissen wir natürlich schon längst, dass das auch nur Theater ist, allerdings ziemlich großartiges Theater.

 

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Termine: Hamlet
in der Schaubühne, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf

 

 

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