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Rezension zu „Ödipus Stadt“ am Deutschen Theater

OedipusStadtAus vier mach eins, das ist effizient, zeitsparend und sorgt mit etwas Glück zumindest für eine grobe Orientierung: Zur Spielzeit­eröffnung verbindet Hausregisseur Stephan Kimmig in nur zweieinhalb Stunden vier antike Tragödien („König Ödipus“, „Antigone“, „Sieben gegen Theben“, „Phoinikerinnen“) zu einem Abend, „Ödipus Stadt“. Die Verknüpfung ist, zumindest auf der Handlungsebene, schlüssig. Antigone ist die Tochter des Ödipus, in ihrer Tragödie setzt sich sein Verhängnis fort. Der Mittelteil gehört dem tödlichen Machtkampf der Ödipus-Söhne. Wir sehen einen Schnelldurchlauf durch die antiken Familienblutbäder, immer in der Gefahr einer Banalisierung des Stoffes zugunsten der zügigen Plot-Abwicklung (Dramaturgie: John von Düffel).
Kimmigs Regie setzt auf umstandslose Wirkungstreffer auf der bühnenfüllenden Halfpipe (Bühne: Katja Haß). Die Reflexionsebene des Chors ist wegrationalisiert. Wie Klarheit in der Auseinandersetzung mit dem antiken Stoff ohne den Preis der Unterkomplexität aussehen kann, führt Ulrich Matthes als unschuldig schuldig gewordener König Ödipus im ersten Teil des Abends vor. Wir folgen ihm bei seiner Denk- und Erkenntnisbewegung in den Abgrund. Atemberaubend ist Matthes’ Spiel, wenn sein Ödipus seine Frau Iokaste (schön herb und unverschnörkelt: Barbara Schnitzler), von der er noch nicht weiß, dass sie seine Mutter ist, eher grob und heftig küsst; oder wenn er im Nachgenuss des Triumphes mit aufblitzenden Augen erzählt, wie er einst einen Reisenden erschlagen hat, von dem er noch nicht weiß, dass es der eigene Vater war. Wie dieser Ödipus langsam versteht, sich Wort für Wort, Gedanken für Gedanken in die Erkenntnis seiner Verbrechen vorarbeitet, ohne seine Figur alltagspsychologisierend zu verkleinern – das ist dicht und klar. Ähnlich hart und scharf umrissen zeichnet Sven Lehmann den blinden Seher Teiresias: Kein milder Weiser, sondern ein Mann, den sein Wissen schroff und illusionslos gemacht hat. Lehmann spielt ihn schlackenfrei, ein Mann, der seine Sätze ansatzlos wie K.-o.-Schläge platziert.
Nach dem „Ödipus“ stürzt der Abend ab. Susanne Wolff muss man für ihr kraftvolles Spiel bewundern, aber leider karikiert und verkleinert sie ihren Kreon als eitel machtverliebten Politiker. Was Kimmig auf die schrullige Idee gebracht hat, Kreon mit einer Frau zu besetzen, bleibt sein Geheimnis. Über weite Strecken retten sich die Darsteller in Äußerlichkeiten: Um ihre Gefühlsnöte angesichts der gegenseitigen Ermordung ihrer Brüder auszudrücken, rennen Antigone (Katrin Wichmann) und Ismene (Felicitas Madl) munter die Halfpipe hoch, was ihnen ihre blutigen Brüder Polyneikes (Moritz Grove) und Eteokles (Elias Arens) wacker nachtun. Je beliebiger die szenischen Mittel, desto aufgekratzter und effektverliebter werden sie vorgeturnt. Seltsamer Spielzeitauftakt.  

Text: Peter Laudenbach
Foto: ArnoDeclair
tip-Bewertung: Annehmbar

Termine: Ödipus Stadt
im Deutschen Theater,
Karten-Tel.: 28 44 12 21 

INTERVIEW MIT ULRICH MATTHES UND STEPHAN KIMMIG 


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