Theater

Ricardo Bartнs kommt mit La Pesca ins HAU

La_Pesca_Foto_Andres_Barraganei seinem Stück La Pesca, also der Fischfang, das er jetzt im HAU zeig, geht es um mehr als um trivialen Angelsport. Zwar treffen sich da drei Männer, um Tarariras zu fangen, aber vor allem wollen sie ihr Leben fangen, ihre Vergangenheit und ihre Sehnsüchte.
Schon der Ort ihrer Zusammenkunft ist von bartнsscher Absurdität: im Keller einer stillgelegten Fabrik in Buenos Aires führt ein Brunnenschacht direkt zur Kanalisation der Stadt. Und weil die Rohre überall lecken, ist der Keller oft überschwemmt. In den 70er Jahren hatten clevere Kinder in den Kellersee Tarariras „eingepflanzt“, einen „Angelclub unter Dach“ gegründet und sich damit ein fröhliches Taschengeld verdient. Später, als der Wasserpegel sinkt, die Fische durch die Kontamination mutieren und sich gegenseitig auffressen, entsteht die Legende von den Titan-Tarariras, der die drei Männer nun nachgehen wollen. Während sie die Ruten auslegen, sprechen sie über Krankheiten, Sexualpraktiken und Politik – fangen tun sie nichts.
Das ist sehr atmosphärisch inszeniert und glänzend gespielt von Luis Machнn, Sergio Boris und Carlos Defeo, drei in Argentinien berühmten Schauspielern, die immer wieder mit Bartнs’ freier Gruppe Sportivo Teatral zusammenarbeiten. Ihr Geld verdienen sie in anderen Theatern und Studios.

La_PescaWie alle Stücke des Autors und Regisseurs Ricardo Bartнs ist auch „La Pesca“ eine vielschichtige Politparabel. Da sie für Argentinien produziert ist, nicht für den Weltmarkt, bleiben unsereinem etliche Bedeutungsschichten verborgen – aber schon die paar, die man entschlüsselt, enthalten mehr Denkfutter, als man es vom heutigen Theater gewohnt ist. Und dass Denken eine Urlust ist, erlebt man selten so intensiv wie in den symbolisch-skurrilen Erzählungen des Sportivo Teatral. Dessen politisches Theater hat mehr mit Borges zu tun als mit Brecht, es schillert und prunkt und verstrickt einen so sehr in seine Doppelbödigkeiten und Geheimnisse, dass man nicht mehr herausfindet. Was zunächst wie eine harmlos amüsante Geschichte aussieht, verwandelt sich zunehmend in eine Abrechnung mit Peronismus, Privatisierung und politischem Verrat – und bleibt doch immer die harmlos amüsante Geschichte von drei Anglern auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Es ist wunderbares Theater, ein Geschenk, und wer sich für die unterirdischen Strömungen nicht interessiert, kann es einfach nur als große Schauspiel- und Regiekunst genießen. Besser aber wäre, sich vom Gedankenstrudel mitreißen zu lassen und hinterher zu sehen, zu vergleichen, wie weit man geschwommen ist in den lecken Rohren der Erinnerung.

Text:
Renate Klett

Foto: Andres Barragan

La Pesca/Der Fischfang

HAU 2,
Hallesches Ufer 32, Kreuzberg,
Do 16.10., 20 Uhr, Fr 17.10., 19 Uhr

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