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Rimini Protokoll im ICC mit Daimler Aktionärs Versammlung

Daimler Hauptversammlung April 2008 Dr_Dieter_Zetsche_und_Dr_Manfred_BischoffAm 8. April wird im ICC die größte Theaterinszenierung des Jahres stattfinden. Sie dauert etwa acht bis zehn Stunden und hat mindestens 8000 Zuschauer – eine Dimension, neben der sogar Peter Steins monumentale Klassikerparaden verblassen. Hunderte Bühnenarbeiter, Dramaturgen, Juristen und Finanzmarktexperten im Hintergrund und ein erfahrenes Ensemble aus hoch bezahlten Stars geben ihr Bestes für die Show. Und weil auch hier das Mitmachtheater seine Spuren hinterlassen hat, darf sich das Publikum mit Redebeiträgen selbst verwirklichen.

Es gibt sogar einen für sein Querulantentum bekannten Verband kritischer Zuschauer. Seine Beiträge zum Gesamtkunstwerk gehören zum gewohnten Spiel der seit Langem gut eingespielten Inszenierung. Sie findet traditionsgemäß einmal im Jahr statt und erfreut sich eines Medieninteresses, von dem andere Theater, auch die bedeutendsten, nur träumen können. Es handelt sich um die Aktionärshauptversammlung der Daimler AG (Foto). Der Vorstand und der Aufsichtsrat, also die leitenden Angestellten, führen für die Eigentümer des Unternehmens ein kleines, oft geprobtes Theaterstück auf. Und sei es nur als Ge­genleistung dafür, dass der Aktienkurs in den letzten Monaten zügig nach unten gekracht ist und weil das Aktienrecht es so vorschreibt. Auch dieses Jahr wird der Hauptdarsteller, der hier in der Rolle des Vorstandsvorsitzenden auftritt, wieder sagen, was er jedes Jahr sagt: ein erfolgreiches Geschäftsjahr, schwierige Rahmenbedingungen, Perspektiven, Dividendenausschüttung, neue Produkte, Umsatzentwicklung, Modellpolitik, Herausforderungen, Kurs-Gewinn-Verhältnis. Und wie jedes Jahr dürfte er wohl, wie es sich für den Bühnenprofi gehört, am Vortag zur Kos­tümprobe mehrere Krawatten mitbringen, damit die Veranstaltungsdesigner überprüfen können, welche am besten mit Lichtstimmungen und Bühnenbild harmoniert. Wieder werden nur Kamerateams und Fotografen des Veranstalters zugelassen sein, wieder werden nur perfekte, cleane und kontrollierte Bilder die Inszenierung dokumentieren. Aber etwas wird dieses Jahr anders sein.

Rimini Protokoll, die immer schon gut darin waren, das Realtheater der Wirklichkeit wie ein Readymade auszustellen, werden mit 200 Theaterzuschauern die Show besuchen. Die Theaterzuschauer werden sich nicht für Aktienkurse und Unternehmensentwicklung interessieren, sondern für das bisher viel zu wenig von der Theaterkritik und der Theaterwissenschaft gewürdigte Performanceformat „Hauptversammlung„. Das Rimini-Publikum will nicht stören, es will beobachten, genießen und die Perfektion der Inszenierung würdigen. Schließlich sind hier Profis am Werk, die nichts dem Zufall überlassen. Rimini-Regisseur Daniel Wetzel: „Wir haben mit Hostessen gesprochen, die dort arbeiten. Die werden im Vorfeld der Daimler-Hauptversammlung mehrere Tage geschult. Alles wird durchgeprobt.“ Große Kunst.

Die von Rimini Protokoll eingeladenen Zuschauer werden testen, ob ihr Theaterblick, zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung, die gesamte Veranstaltung verfremdet, um hier mal eine ganz alte Vokabel der Theatertheorie zu verwenden. Es genügt bei diesem Stück al­lerdings nicht, einfach eine Eintrittskarte zu kaufen. Zugelassen sind nur Daimler-Aktionäre. Deshalb investiert Rimini Protokoll ins Theater. Wetzel: „Wir wollen vorübergehend eine Daimler-Aktie kaufen. Nach der Hauptversammlung wird die Aktie dann wieder verkauft. Das ist alles.“ Es ist auch möglich, dass Aktionäre ihr Recht zum Besuch der Hauptversammlung übertragen. Mit diesen Aktien kann Rimini dann in­teressierten Zuschauern den Besuch des Theaterstücks ermöglichen.

Text: Peter Laudenbach

Hauptversammlung
MI 8.4, 20 Uhr im ICC

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