Theater

Ritter, Dene, Voss im Deutschen Theater

Für ein Stück, in dem hochkultureller Kunsthass, Inzest, Wittgenstein, Schopenhauer und die geschlossene Anstalt mit lustvoller Bösartigkeit ineinandergreifen, kann man sich viele Bilder vorstellen. Die Thomas-Bernhard-Inszenierung „Ritter, Dene, Voss“ des DT-Interimsintendanten Oliver Reese zeichnet sich nun dadurch aus, dass sie von all diesen potenziellen Wegen immer den möglichst direktesten nimmt: Ist von politisch unkorrekter Geschwisterliebe die Rede, züngelt die eine Schwester der anderen semigewalttätig im Nacken herum. Ist Ironie darzustellen, wird vorsichtshalber gleich dreimal nachdrücklich mit dem Auge über die Rampe gezwinkert.

Reeses Ziel, das den Schauspielern Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss auf den Leib geschriebene Bernhard-Stück völlig anders zu inszenieren als sein Kollege Claus Peymann bei der Salzburger Uraufführung mit besagtem Trio vor 22 Jahren, darf immerhin als erreicht gelten: Bernhards schön böshumoriger, von der Familie Wittgenstein inspirierter Text wirkt hier tatsächlich wie eine Berlin-Mitte-identifikationstaugliche Besserverdienendenmarotte mit hervorragenden Therapieaussichten.

Man möchte sich lieber nicht vorstellen, was aus diesem Abend mit weniger hochkarätigen Schauspielern geworden wäre! Zwar merkt man – was Wunder – auch Almut Zilcher, Constanze Becker und Ulrich Matthes den Rückgriff aufs Handwerk in dieser plakativ auf Äußerlichkeit gebürsteten Inszenierung an. Zilcher rettet sich als fürsorglichkeitsneurotische große Schwester dabei am stärks­ten ins Klamaukige, während Matthes als idiosynkratischer Philosoph der Subtilste bleibt und Constanze Becker aus dem plakativ lasziven Fußnägellackieren der kleinen Schwester halt auch keine feineren Nuancen herauszaubern kann, als der Vorgang nun mal beinhaltet. Dennoch: Wenn jemand diesen Abend, der irgendwie mit sich selbst nichts anzufangen weiß, überhaupt akzeptabel macht, dann sind das Matthes, Becker, Zilcher.

Text: Christine Wahl

Zwiespältig

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