Theater

„Rocco und seine Brüder“ im Maxim Gorki

roccoUndSeineBruederLuchino Viscontis Filmklassiker „Rocco und seiner Brüder“ von 1960 für das Theater adaptieren zu wollen, ist reichlich vermessen. Viscontis Bilder sind durchkomponiert, sein Drei-Stunden-Epos über die vier Brüder, die aus dem armem Süden Italiens, dem Mezzogiorno, ins kalte, reiche Mailand kommen, ist von großer erzählerischer Kraft und verbindet den nüchternen Blick des Neorealismo in Viscontis Frühwerk mit der Bildgewalt seiner späteren Filme. Jede Theaterversion kann dagegen nur ärmlich wie eine Schrumpfform wirken.
Antu Romero Nunes
, 28 Jahre, Hausregisseur am Maxim Gorki Theater und ganz offenkundig derzeit einer der begabtesten, erfreulichsten, vielversprechendsten jungen Regisseure überhaupt, versucht in seiner Inszenierung erst gar nicht, mit Viscontis Bildern zu konkurrieren. Im Gegenteil, die ersten 20 Minuten der Aufführung zitieren sehr lässig und ironisch einen ganz anderen Filmstil: den frühen Stummfilm, samt weiß geschminkten Gesichtern, überdeutlichen Pantomimen und Dialogsätzen zum Mitlesen. Aber das ironische Stil-Zitat ist kein Selbstzweck. Nunes erzählt gerafft, wie Simone, Rocco und Ciro mit ihrer Mutter zum Bruder Vincenzo nach Mailand kommen, wie sie mit Schneeschippen erstes Geld verdienen, wie sich Simone in die Prostituierte Nadia verliebt. Am Anfang stehen sie ziemlich verloren auf der leeren Bühne (Johannes Hofmann), ihre Mäntel sind mit dünnen Fäden miteinander verbunden – die Familie als Netzwerk.Das könnte platt und symbolschwer wirken, bei Nunes ist es ein klares, schönes, selbstverständliches Bild, wie dieser Regisseur überhaupt immer wieder die Klarheit der Erzählung mit spielerischer Leichtigkeit, einer sozusagen nüchternen Poesie und unverschnörkeltem, unverkischten Gefühl verbindet, dass es eine Freude ist.

Wie im Spiel mit der Stummfilmästhetik wechselt Nunes mit großer Leichtigkeit, fast übermütig, die Stillagen, baut hier mal ein kleines Schiller-Zitat ein, spielt da mal damit, dass alles nur Theater ist, und verliert dennoch nie seine Figuren aus dem Blick. Nunes’ Inszenierung knüpft nicht an Viscontis Ästhetik an, aber er erzählt die Geschichte einer zerbrechenden Familie, die Geschichte der inneritalienischen Migration, die Geschichte von Simone und Rocco, die sich in dieselbe Frau verlieben und beide Boxer werden, eine Geschichte des tragischen Zerbrechens mit Vergewaltigung und Mord, ohne modische Ironisierungen oder plumpe Verweise auf aktuelle Migrationsdebatten. Vielleicht nimmt er seine Figuren einfach ein bisschen zu ernst, um sie dem postmigrantischen Diskurs-Geblubber zum Fraß vorzuwerfen. Wie auch Nunes selbst, Sohn einer Chilenin und eines Portugiesen, es nicht nötig hat, die Tatsache, dass seine Eltern keine Deutschen sind, werbewirksam als Postmi­granten-Karriere-Ticket auszuschlachten. Aber gerade weil er Viscontis Stoff irgendwelche „Aktualisierungen“ genauso wie Italo-Folklore erspart, gelingt es Nunes, eine archetypische Geschichte vom Leben in der Fremde, vom Zerbrechen alter Sicherheiten, vom Verlorengehen zu erzählen.
Im Zentrum der Inszenierung steht nicht Rocco (Robert Kuchenbuch), sondern sein Bruder Simone, den Michael Klammer als einen Naiven spielt, so geschmeidig und lebensgierig wie brutal aus Hilflosigkeit – ein toller, sehr direkter Schauspieler, dessen Spielfreude die tragische Dimension seiner Figur nicht wegwischt. Kuchenbuchs Rocco ist dazu ein schöner Kontrast, ein stummer Brüter, eher etwas dumpf als geschmeidig, ein unglückliches Kraftpaket. Anne Müller als die Prostituierte Nadia verrät ihre Figur nicht an Huren-Klischees, Andreas Leupold wechselt lustig zwischen den Rollen und ist als resolute Mutter der Brüder so komisch wie als Wäscherei-Chefin. Wer diese kluge, verspielte, kraftvolle Inszenierung verpasst, ist selber schuld.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Bettina Stoess

tip-Bewertung: Sehenswert

Rocco und seine Brüder
Maxim Gorki Theater, So 26.8., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 20 22 11 15

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