Theater

The Rocky Horror Show im Admiralspalast Berlin

Rocky Horror Show Berlin Foto von Hugo GlendinningWenn diese Woche im Admiralspalast die „Rocky Horror Show“ Premiere hat, wird es vermutlich keine Proteste von Sittenwächtern oder verängstigten Eltern geben. Vor 30 Jahren war das anders. Mindestens einmal im Monat rü­ckte bei den Vorführungen der „Rocky Horror Picture Show“ im Kreuzberger Tali-Kino die Polizei zur „Rocky“-Razzia an. Sie suchte nach Minderjährigen, der Film war erst ab 18. Die Kirche sorgte mit dem Staatsanwalt dafür, dass er an Karfreitag und Weihnachten nicht gezeigt werden durfte, besorgte Eltern schimpften über die „Perversen“.

Martin Teßmer sitzt in seinem Rixdorfer Büro und lacht. Er war einer der Perversen. Als 18-Jähriger spielte er im Tali-Kino (dem heutigen Moviemento) drei Jahre lang Ti­telheld und Retortenwesen R­ocky“. Immer freitags lud die Crew zur Show: Mit einer Art Kino-Karaoke begleiteten er und ein halbes Dutzend Freunde das Geschehen auf der Leinwand. Hinten lief der Film, vorne auf der Bühne spielten und sangen die Schauspie­ler live und synchron mit: in Verkleidung und mit den passenden Requisiten. Der Thron kam vom Sperrmüll, Rockys knappes Glitzer-Höschen nähte seine Mutter zu Hause auf der Nähmaschine, den goldenen Stoff kaufte er im KaDeWe. Rocky Horror Show Berlin Foto von Hugo Glendinning

Neben der wöchentlichen Show lief dreimal am Tag der Kinofilm, berlin-exklusiv. Kino-Chef Elser Maxwell (heute Chef der Produktionsfirma Cineplus) hatte sich in einem gewagten Coup die Exklusivrechte von der Verleihfirma 20th Century Fox gesichert. In Deutschland interessierte sich bis dahin kein Schwein für den schrillen Transvestitenklamauk aus London. „Der Saal war meistens leer, das Kino stand kurz vor der Pleite“, erinnert sich Martin Teßmer, der damals nach der Schule im Kino putzte und als Kartenabreißer jobbte. Aus lauter Langeweile begannen er und ein paar Freunde mitzusingen. Die Freitagsvorstellung wurde Kult, und plötzlich wollte ganz Berlin den schrillen Film sehen. „Wir waren immer überfüllt“, sagt Teßmer, „die Leute versuchten sogar mit Bestechung an eine der 250 Karten zu kommen.“ Fünf Mark kos­tete der Eintritt – für die Show waren zwei Mark extra fällig. „Wir mussten uns vor Vorstellungsbeginn unten aufbauen, damit die das Kino nicht stürmen.“ Selbst der Trupp „Hells Hangels“, der gleich zweimal nacheinander reinwollte, stellte sich brav an.

Die „Rocky Horror Show“ war für Teßmer, heute Kameramann und Besitzer einer Produktionsfirma, nicht einfach ein Theaterstück. „,Dont dream it – be it‘ – das galt damals wirklich für uns. Das Stück hat mein Leben komplett verändert“, sagt er heute: „Als ich es das erste Mal gesehen habe, ist in meinem Kopf ein Knoten geplatzt, alle meine Probleme und Hemmungen als schwuler Jugendlicher lös­ten sich auf. Das Stück drückte ein Gefühl aus, das ich selbst damals nie so hätte erklären können. Wir fühlten uns wie Boten einer neuen Zeit.“ So verquer wie bei den Verwicklungen im Stück ging es dann auch in der Gruppe zu. Den Transvestiten Frank’N’Furter spielte eine Frau, die sich zu der Zeit einer Geschlechtsumwandlung unter­zog. „Nach der OP mussten wir dann mal ein paar Wochen pausieren. Tanzen ging dann eine Zeit lang nicht“, grinst Teßmer.Rocky Horror Show Berlin Foto von Hugo Glendinning

Nach den Kinovorstellungen ging die Party hinter der Bühne weiter. Dort feierten Schauspieler und Publikum an den Wochenenden ausufernde Orgien. Musste man vor der Show Reis und Konfetti noch in Plastikbechern für eine Mark kaufen, wurde anschließend das Kokain auf Spiegeln serviert. Drei Dealer waren zu Hochzeiten für Nachschub zuständig.

Um die Show herum bildete sich ein eigener Mikrokosmos. Nina Hagen saß im Kassenhäuschen und übte Jodeln, Rio Reiser schaute vorbei, genauso wie Rosa von Praunheim und der damals noch junge und unbekannte Ben Be­cker. Im Management arbeitete der heutige Berlinale-Panorama-Chef Wieland Speck, und bei den Transsylvaniern tanzte der spätere Ärzte-Bassist und heutige tip-Musik-Chef Hagen Liebing mit. Jim Jarmusch kam als Besucher, und am Einlass saß Blixa Bargeld. Und wenn nicht im Tali gefeiert wurde, zog „Ro­cky“ mit David Bowie durch die Nacht.
Drei Jahre, von 1977 bis 1980, dauerte der multisexuelle Rausch, bevor er abrupt beendet wurde. Der Verleih kam eines Abends mit dem Gerichtsvollzieher und zog die Kopie ein. „In den geschäftlichen Dingen waren wir damals nicht so genau“, sagt Teßmer. Spieler, Spielstätte und der Film selbst zeigten nach drei Jahren Dauerparty ernste Ausfallerscheinungen: Der Saal war völlig ramponiert, die Wasserhähne geklaut, fast alle Stühle kaputt und das Zelluloid so oft geflickt, dass man dem Film kaum noch folgen konnte.
Die neue Show will sich der alte Rocky nicht anschauen: „Das war ein Stück, das in eine bestimmte Zeit gehört, ich weiß nicht, was ich da heute sollte.“

Text: Björn Trautwein

Fotos: Hugo Glendinning

The Rocky Horror Show
Admiralspalast, Friedrichstraße 101, Mitte
Premiere Fr 31.10., 19.30 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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