Theater

Roland Schimmelpfennig über „Peggy Pickit“

schimmelpfennigtip: Ihr Stück „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ ist Teil einer „Afrika-Trilogie“, eine Auftragsarbeit des Volcano Theatre in Toronto. Wie schreibt man als europäischer Dramatiker ein Stück über Afrika?

Roland Schimmelpfennig:?Das Thema der „Africa Trilogy“ am Volcano Theatre war, verkürzt gesagt, Afrika und der Westen, ursprünglich initiiert durch das Buch „Race against Time“ über die AIDS-Katastrophe in Afrika von Stephen Lewis, dem früheren UN-Special Envoy for HIV/AIDS in Afrika. Dazu bekamen drei Autoren einen Stückauftrag, Christina Anderson aus den USA, Binyavanga Wainaina aus Kenya und ich. Wie man über Afrika schreibt? Es gibt von Binyavanga einen brillanten, ätzenden Artikel zu dem Thema: „How to write about Africa“, in dem er systematisch alle Klischees und Denkmuster zu dem Thema aufzählt. Für mich gab es von Anfang an nur einen möglichen Weg im Umgang mit dem Thema: Das Stück spielt hier, bei uns. Mein Stück handelt von Afrika, aber es ist ein europäisches Drama.

tip: Ein berühmtes Paradox von Niklas Luhmann lautet: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen können.“ Wissen wir, wissen Sie über Afrika mehr als das, was die Medien an Klischees und Vereinfachungen transportieren?

Schimmelpfennig: Afrika ist in den deutschen Massenmedien nicht besonders präsent. Die Todesrate durch AIDS und andere Erkrankungen in der Subsahara ist in den deutschen Massenmedien kein Thema. 2008 lebten in den Subsahara 22 Millionen AIDS-Kranke. Swasiland mit einer Infektionsrate von etwa 26 Prozent kommt hier nicht vor. So viel zum Thema Massenmedien. Wer in Deutschland mehr über das Thema wissen will, muss sich die Antworten suchen. Im Internet zum Beispiel. Aber das Stück handelt nicht davon, dass wir eine medial gequetschte, verkürzte Wahrnehmung haben. Jeder weiß oder kann wissen, was sich in der Subsahara abspielt. Dieses Wissen ist verfügbar. Es geht um die Frage, ob man dieses Wissen zulässt, annimmt.

tip: Die bequemaste Reaktion darauf wäre die Frage:  Was geht mich die AIDS-Katastrophe in Afrika an?

Schimmelpfennig: Gegenfrage: Sind wir verpflichtet zu handeln, wenn wir wissen, dass ein Mensch in tödlicher Not ist? Die Antwort muß sich jeder selbst geben.

tip: In „Peggy Pickit“ treffen sich zwei befreundete Paare. Das eine, er Oberarzt, sie früher einmal Krankenschwester, führen ein gemütliches Leben, obere Mittelschicht, irgendwo in der westlichen Welt. Das andere Ärzte-Paar hat  sechs Jahre in einem afrikanischen Krisengebiet gearbeitet. Sie kehren in eine reiche Welt zurück, die ihnen fremd geworden ist.  Was für Lebensentwürfe und Lebenslügen werden da sichtbar?

schimmelpfennigSchimmelpfennig: Das wird im Lauf des Stückes deutlich, glaube ich. Die beiden Paare entscheiden sich mit Mitte dreißig für zwei völlig unterschiedliche Wege. Beide Paare sind nicht glücklich.

tip: Schon Ihr Stück „Der Goldene Drache“ handelt vom Aufeinanderprallen sehr unterschiedlicher Erfahrungswelten in der Globalisierung. Was interessiert Sie an solchen Clashs der Kulturen und Biografien?

Schimmelpfennig: Jahrhundertelang lag der Sprengstoff des Dramas im Kampf oder im Nebeneinander der Klassen. Shakespeares Thema: der Schnitt durch die Gesellschaft. Die Welt hat sich verändert. Der Clash der Kulturen findet statt, er ist ein zentrales Thema unserer Gesellschaft.

tip: Wenn Liz mit dem bequemen Leben die beiden Afrika-Heimkehrer beneidet, klingt das ziemlich kitschig und auf eine nicht sehr ehrliche Weise selbstkritisch: „Ihr setzt Euer Leben ein, um anderen Menschen zu helfen, und wir machen das Garagentor auf und zu.“ Hilfe für Afrika als Rettung aus der Ehe-Langeweile und dem Wohlstands- Ennui?

Schimmelpfennig: Es stimmt doch, was sie sagt: Sie kümmert sich um die Garage und die Winterreifen, und andere stellen sich anderen Themen.

tip: Carol, zurück aus Afrika, ist etwas fassungslos über ihre alten Freunde: „Wie die das abspulen, wie eine Schnur, der Job, das Auto, das Haus, das Kind. Mit welcher Selbstverständlichkeit.“ Nur: Was ist so schlimm an solchen Selbstverständlichkeiten bürgerlicher Biografien?

Schimmelpfennig: Das sehe ich anders: Sie findet das gar nicht schlimm. Im Gegenteil. Sie staunt über einen Lebensentwurf, den sie schlichtweg glatt verpasst hat. Sie würde auch gern so leben.

tip: Haben Sie für Ihre Recherchen mit Ärzten gesprochen, die für Hilfsorganisationen in Krisengebieten gearbeitet haben, etwa bei „Ärzte ohne Grenzen“?

Schimmelpfennig: Es gab eine Reihe von Gesprächen und Begegnungen im Vorfeld der Arbeit und in den ersten Arbeitsstadien. Wichtige, sachkundige Beobachter des Projekts waren unter anderem James Orbinski, der für „Doctors without Borders“ unter schwierigsten Bedingungen in Ruanda war, und der dann für „Doctors Without Borders“ in Stockholm den Friedens-Nobelpreis entgegengenommen hat. Und natürlich Stephen Lewis, der von 2001 bis 2006 für die UNO „Special Envoy for HIV/AIDS in Africa“ war.

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: Jens Berger

Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes Deutsches Theater, 19., 20., 23., 26.11., 19.30 Uhr

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