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Rolf Hochhuth inszeniert „Sommer 14“ im Urania-Theater Berlin

ROLF_HOCHHUTHZum ersten Male in der Geschichte „bürgerliches Theater“ in der Urania, verkündete der Pressesprecher des Hauses, Ulrich Weigand. Wurde ja auch langsam mal Zeit. Hauptverantwortlich für die spätbürgerliche Großtat: Rolf Hochhuth. Der vermutlich dienstälteste (Jahrgang 1931) lebende weltberühmte und wohlhabende Großdramatiker und Lyriker Deutschlands konnte dort für die abendlichen Mietkosten von Euro 5500 doch noch sein gestelztes Vorkriegssommerstück „Sommer 1914″ über die Bühne gehen lassen, nachdem (es wurde auch an dieser Stelle ausführlich berichtet) ihm das ursprünglich anvisierte Berliner Ensemble per Gerichtsbeschluss verschlossen blieb. Alle Welt konnte also zufrieden sein. Nicht nur bekamen einige (nicht wenige) arbeitslose Schauspieler mal wieder ordentlich was zu tun. Auch haufenweise Uniformen und falsche Bärte aus dem Kostümfundus wurden entstaubt, diverse Platzpatronen gnadenlos abgefeuert. Die Kritik ward mit willkommener Gelegenheit zu standardisiertem Hohn und Spott belohnt. Kurzum, die Bühnenkunst durfte durchatmen, das Theater wieder eine von allem neumodischen künstlerischen Ansinnen unberührte „politische Anstalt“ (Hochhuth) sein. Eine Anstalt in jedem Fall. Pardon wurde eher nicht gegeben. Durfte es ja auch nicht. Schließlich ging es um ein durchaus angesagtes Thema – den Ausbruch von Weltkrieg I, der dieser Tage immerhin sein 95. Jubiläumsjahr feiert. Hatte nicht auch unlängst mit Michael Haneke ein anderer Schreckensmann in Cannes die Goldene Palme für seinen Film „Das weiße Band“ abgeholt, der zufällig ebenfalls in einer preußischen Schreckensprovinz des Sommers 1914 spielt? Und wirken die im Stück erwähnten Konfliktherde Afghanistan und Bosnien-Herzegowina nicht seltsam vertraut?

Was der amtierende Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) über den Bundeswehreinsatz im heutigen Afghanistan dem ZDF zu sagen hatte, gilt vermutlich auch für den riskanten Theaterbesuch: „Wir sind nicht kopflos rein, wir werden nicht kopflos wieder raus.“ Bleibt zumindest zu hoffen.

Natürlich könnte man die Lage auch so entspannt betrachten wie der fast schon pazifistisch berlinernde Kaiser Willhelm II in Hochhuths Stück: „Ick weeß ja nich. Mach’ ma’ mal ne Pinkelpause“. Doch ganz so entspannungsfreudig ist ein Hochhuth nicht. Ganz und gar nicht. In dem Stück geht es um noch weit mehr als Kriegstreiberei und Imperialismus. Verdächtig oft ist direkt und indirekt von verfolgten und ermordeten Schriftstellern die Rede. Von Oscar Wilde. Von Emile Zola (1902 wegen eines verstopften Kamins an Kohlenmonoxidvergiftung gestorben – nach einer bis heute nicht bewiesenen Verschwörungstheorie, der Hochhuths Stück folgt, ein politisches Attentat). Von Jean Jaurиs (pazifistischer sozialistischer Politiker, Journalist und Historiker, am 31.7.1914 ermordet). Und nicht zuletzt wird an entscheidender Stelle ein Lessing-Wort zitiert: „Witz und Landessprache sind die Mistbeete, in welchen der Same der Rebellion so gerne und so geschwind reifet. Heute ein Dichter: morgen ein Königsmörder.“ Das markiert dann vermutlich Rolf Hochhuths feuchten Traum vom Dichter-Attentäter. In diesem Sinne hat er die Sache mit der Formvollendung der sturen Holzbirne hingekriegt – Aufklärung, Attentat, Paranoia und Selbststilisierung. Ein letzter großer Dichter in unserer Zeit!

Text: Andreas Hahn
Foto: Karin Rocholl

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