Revue

„Roma Armee“ am Maxim Gorki Theater

Gypsyland Europa – Yael Ronen ruft mit „Roma Armee“ die Revolution aus

Foto: ute langkafel/ maifoto

Am Maxim Gorki Theater startet Yael Ronen mit der knalligen Revue „Roma Armee“ in die Spielzeit. Im Foyer hat eine „Roma Embassy“ der Künstler Delaine und Damian le Bas eröffnet. Die europaweit derzeit am brutalsten diskriminierte Minderheit soll zumindest im Theater eine diplomatische Vertretung haben, auch wenn sie nur aus einer telefonzellengroßen, bemalten Box besteht. Delaine und Damian le Bas haben auch für die psychedelischen Comics gesorgt, die das Bühnenbild in ein grelles Paralleluniversum namens „Gypsyland Europa“ verwandeln. Irgendwie logisch: Wenn Europa glaubt, keinen Platz für Roma zu haben, schaffen sie sich an diesem Abend eben ihr eigenes Phantasie-Territorium samt Embassy und einer knallbunten Revuebühne als Staatsgebiet, auf dem jeder Mitspieler zum Star mit erhöhtem Glam-Faktor wird. Das Programm des Abends: Eine trotzige, gutgelaunte Selbstfeier, die den Gypsy-Klischees und rassistischen Zuschreibungen eigene, queere Bilder entgegensetzt, dass es eine Freude ist. Bis auf Orit Nahmias und Mehmet Atesci aus dem Gorki-Ensemble sind alle Performer Roma-Schauspieler und -Musiker, die Ronen in halb Europa engagiert hat.

Die Idee für das Projekt stammt von den Schwestern Sandra und Simonida Selimovic, die als ziemlich umwerfende Vollkaracho-Performerinnen mitspielen. Dass man besser Stücke mit als über Minderheiten macht, ist an Shermin Langhoffs postmigrantischem Gorki Theater Programm. Auch das ist einer der Gründe dafür, dass es wohltuend ignoranzfrei und ein bisschen wacher und konfliktfreudiger als die Konkurrenz auf gesellschaftliche Diskriminierungs- und Exklusions-Prozesse aller Art reagiert. Es ist natürlich ein Yael-Ronen-Abend mit allem, was man aus ihren Turbo-Identitäts-Komödien kennt – von den autobiografischen Einsprengseln der Darsteller bis zur souveränen Selbstironie, mit der Orit Nahmias über ihre Ehe seufzt oder Mehmet Atesci ahnt, dass er wieder mal den schwulen Kreuzberger Türken spielen soll.

Dass identitäre Zuschreibungen bestenfalls lässig benutztes und ironisiertes Spielmaterial sind, macht schon das Intro klar: Jeder Performer bekommt seinen Soloauftritt und wird in seinen sexuellen Vorlieben, ethnischen Zugehörigkeiten und Ernährungsgewohnheiten vorgestellt. Spätestens wenn ein Veganer klagt, er würde gerne fleischiger spielen, kippt das aufs Schönste ins Absurde. Auch die umwerfenden Cross-Gender-Glam-Kostüme mit atemberaubenden Highheels, eng sitzenden Höschen, Comicganzkörperbemalung und jeder Menge Haut, Flitter und Ausflügen in die Vaudeville-Kostümpracht des 19.Jahrhunderts macht klar, dass Identität etwas ist, das man bestenfalls selbst erfindet – etwa als rappender, lesbischer Roma-Tomboy (Sandra Selimovic), als politische Aktivisten (Mihaela Drägan und Hamze Bytyci), als schwuler Opernsänger im Glitzerfummel (Lindy Larsson) oder als britische Elfe (Riah May Knight). Bittere Zeiten sind am Gorki noch lange kein Grund für wehleidiges Theater. Den Berichten über harte Diskriminierung setzt dieser Abend sehr klar und gutgelaunt und berührend und mit Glamour etwas entgegen: Stolz.

Maxim Gorki Theater  Am Festungsgraben 2, Mitte, Eintritt 10–34 €

Mehr über Cookies erfahren