Theater

„Romeo und Julia“ an der Schaubühne

RomeoUndJulia_c_ArnoDeclairWenn Genie, nach einem Bonmot von Heiner Müller, die Fortsetzung der Pubertät mit anderen Mitteln ist, handelt es sich bei Lars Eidingers „Romeo und Julia“-Inszenierung an der Schaubühne ohne Zweifel um einen Geniestreich. Nicht die romantische Tragödie der unbedingten und natur-beziehungsweise genregemäß tödlich endenden jungen Liebe, sondern die Komödie der aufgeregt zappelnden Teenager im Romanzen-Modus inszeniert Eidinger. Als Regisseur macht Eidinger in seiner zweiten Inszenierung nach den „Räubern“ vor fünf Jahren etwas Ähnliches wie in seinen das offensive Rampensautum nicht verachtenden Auftritten als Schauspieler: Er gibt ordentlich Gas, lässt sicherheitshalber keine unnötigen Subtilitäten aufkommen und treibt die darstellerischen Mittel gerne ins grelle Extrem, um sie sofort zu ironisieren.

Bevor das Kunstblut beim Slow-Motion-Schwertkampf ordentlich spritzt, nehmen es die Darsteller umständlich in den Mund oder kippen es sich gleich direkt aus der Flasche über den Kopf. Fräulein Julia (Iris Becher) lässt sich eigens eine Kunstblut-Kanüle legen, auf dass der ganz besondre Saft ihr weißes Brautkleid symbolschwer färbt, wenn sie sich mit dem Dolch den finalen Liebestod gibt. Schon klar, alles nur Theater, die Illusion von der romantischen Liebe. Deshalb wird auch auf einer kleinen Guckkasten-Kasperletheater-Bühne gespielt, neben der auf der in voller Länge aufgerissenen Breitbandbühne rechts die Künstlergarderoben und links eine hübsch glittergeschmückte Showbühne für die mit krachendem Glamrock aufspielenden The Echo Vamper zu sehen sind. Ein aufs Sympathischste aufgekratzter Romeo (Moritz Gottwald), bei dem man nie so recht weiß, ob er jetzt diese Julia liebt oder vielleicht doch nur die narzisstischen Räusche, sich selbst als Liebhaber zu gefallen, bedient diese Theaterhaftigkeit des großen, verwirrenden Gefühls aufs Schönste – was natürlich auch wieder verspielt ironisiert wird, wenn er in der Balkonszene zum Thema Liebe die fürchterlichsten, brechreizaffinsten Radio-Hits der 70er, 80er und 90er ansingt, von „Love Is In The Air“ bis zu „I’m Too Sexy For My Love“.

Entweder er verwechselt Liebe mit einem Jingle oder Julia muss ihn wirklich sehr lieben, wenn sie ihn trotz dieser Musicbox-Einlage des Grauens in ihr Mädchenbett lässt. Zu den pubertierenden jungen Liebenden passt Eidingers Freude am Unterleibwitz, dem ausgiebig gefrönt wird. Einen Jux will er sich machen, also tut Eidinger gar nicht erst so, als sei Shakespeares Stück für ihn viel mehr als ein Sprungbrett, auf dem seine Darsteller Anlauf nehmen, um sich in die Lüfte des überdrehten Spiels zu katapultieren. Das ist nicht von tieferer Bedeutung und schnell verpufft, sorgt aber im unverstellten Vergnügen am puren Effekt zuverlässig für gute Laune, auch dank so erfreulicher Schauspieler wie einer ihre Komik staubtrocken abliefernden Regine Zimmermann als Lady Capulet.

Text: Peter Laudenbach

tip-Bewertung: Annehmbar

Foto: Arno Declair 

Romeo und Julia Schaubühne, u.a. am Mo 13. + Di 14.5., Fr 17.5., 20 Uhr, Karten-Tel. 89 00 23

 

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