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„ROOTS family stories“ im Chamäleon

Als das Feuer ausbrach und ihr Domizil vollständig niederbrannte, schien alles vorbei zu sein. Die Prager Gruppe Cirk La Putyka stand vor dem Nichts. Wo sollten sie jetzt spielen?
2009 wurde das avantgardistische Zirkustheater von den Brüdern Rostislav und Vнt Novбk gegründet und feierte schnell Erfolge mit seiner ganz eigenen Art von Neuem Zirkus, der wie der französische Cirque Nouveau eher Theater als Nummern-Revue ist und in dem Artistik, Tanz, Schauspiel, Puppentheater, Musik und Videokunst in einem dramaturgischen Konzept zu einem ganz eigenen Gesamtkunstwerk verschmelzen. Allerdings hat sich dieser osteuropäische Neue Zirkus ganz unabhängig von der frankophonen Zirkus­avantgarde, deren bekanntester Vertreter wohl der Cirque du Soleil ist, entwickelt.
Die Brüder entstammen einer uralten Theaterfamilie, der tschechische Puppenspielerdynastie Kopeckэch, und führen die Tradition nun in der achten Generation fort. Aber eben auf ihre Art. Während ihr Urahn Mat?j Kopeckэ im 18. Jahrhundert mit Karren als mobiles Puppentheater übers Land zog und auch noch der Großvater in der sozialistischen CSSR auf diese fahrende Art Kultur ins Landvolk brachte, holt der Cirk La Putyka die Gaukelei von der Straße auf die feste Theaterbühne, in die Strukturen einer Institution und in modernen Formaten. Der Name referiert auf den Titel ihrer ersten Produktion „La Putyka“, die Pinte, ein tragikomisches Clownstheater, das noch heute ein Repertoirerenner ist. 2010 und 2011 wurde Rostislav Novбk in Folge zur Theaterpersönlichkeit des Jahres gewählt. Doch dann brannte 2014 ihr Theater ab. Die Artisten ohne Zirkuskuppel – ratlos.
Zum Glück für die Truppe hatte Prag damals einen Bürgermeister mit Herz für die Kunst. Er besorgte ihnen kurzerhand Räume im einem alten Schlachthaus, dem Jatka 78. Fast ohne Mittel aber mit Hilfe vieler Künstlerfreunde renovierten und bauten die Visi­onäre eines Neuen Zirkus‘ den Schlachthof zu einem Theater aus. Und inszenieren darin nun mit „Roots“ ihre  zehnte Produktion, eine auf drei Teile angelegte Reflektion über Familienbande und Theatertraditionen. Der erste Teil feierte im Oktober Premiere und versammelte über 20 Spieler aus allen Produktionen der letzten Jahre. Im Zentrum dieses Thea­terfamilientreffens: ein Tisch, Sinnbild der Gemeinsamkeit und Bühne zugleich.
Der zweite Teil nun blickt zurück auf die Wurzeln des Genres, auf die Traditionen von Theater, Tanz und Tingeltangel, auf denen dieser Zeitgenössische Zirkus aufbaut. Mit viel Humor und Gefühl, aber ohne falsche Nos­talgie, erzählen sie das alte Lied der Straße, von den Gauklern, Komödianten und Puppenspielern auf den Boulevards of Broken Dreams,  den Marktplätzen und Wanderbühnen.  Erstmals findet die Uraufführung eines neuen Stücks der Kompanie  aber nicht in der Heimatstadt Prag statt – sondern in Berlin. Das koproduzierende Chamäleon Thea­ter unterstreicht damit seinen Anspruch, die erste Adresse für Neue Zirkuskunst in Berlin zu sein.

Text: Friedhelm Teicke

Foto:
Jakub Jelen

Chamäleon Do 17.3.– So 28.8., Di-Fr 20 Uhr, Sa 18 + 21.30 Uhr, So 18 Uhr, Eintritt 27-54, erm. 29-41 Euro

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