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Die Gruppe Rosas mit „The Song“ bei Tanz im August

The_SongWenn im Radio eine Tonstille entsteht, nennt man das auf Französisch „un blanc“, ein weißes Rauschen. Das ist ziemlich exakt das Gegenteil des „Weißen Albums“ der Beatles von 1968. Damals war die berühmte Brüsseler Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker acht Jahre alt. Letztes Jahr ließ sie beim Tanz im August ihre Tochter die „Erd-Charta“ vorlesen, sie selbst sang in völliger Dunkelheit Gustav Mahlers „Lied von der Erde“. Hingerissen starrten wir in eine ebenso schlichte wie kunstvolle Ästhetik, die ihre eigene Kunst wie ein Orakel befragte. Die also nicht die Kunst als ein Mittel nimmt, um die Welt zu verändern, um uns ir­gend­wie aufzurütteln, sondern die Kunst selbst verändert. Ir­gendwo muss man ja auch anfangen.
Ihre Frage, wie individuell man sein kann, damit sich die Welt kollektiv verwandelt, ist so typisch, dass man sie auch sonst gern am WG-Küchentisch bis tief in die Nacht verhandelt. De Keersmaeker schaltet dazu nur die Musik ab, damit man besser zuhören kann. Und weil Musik sowieso schon im kollektiven Gedächtnis schlummert, reicht es auch, wenn ein Tänzer bei ihr gerade mal ein kurzes „Why don’t we do it in the ro-ad“ aufschluchzt. Das Publikum wäre sicher in der Lage, den ganzen Beatles-Song zu singen. Ebenso gut kann man sich The_Songden Song auch selber denken, jeder für sich. Und doch kocht im Vorfeld dieses Gastspiels bereits die große Gerüchteküche: Das Stück von Anne Teresa de Keersmaeker dauere zwei Stunden, und es gäbe keine Musik. Das ist ja schreck­lich. Ist es nicht. Erstens kracht die Musik zum Schluss ganz ordentlich, zweitens gibt es neun bärtige, ziemlich wilde Männer und eine Frau auf der Bühne, zehn starke Individuen, die etwas großartig beweisen: dass ein Tänzer auch ohne großes Mundwerk und ohne die ihn tragende Musik auskommen kann. Die Künstlerin Ann Veronica Janssens projiziert ihnen atmosphärische Wolkenspiele zu, ein Gefesselter wird über die Bühne geschleift, und eine Entfesselte hechtet durch den Bühnenraum, als hätte sie das Ende der Welt gesehen. Dauernd geschieht etwas, aber das meiste passiert im eigenen Kopf.

Text: Arnd Wesemann
Fotos: Herman Sorgeloos

The Song
im HAU 1 (Adresse + Googlemap)
Do 27. bis Sa 29.8., 19.30 Uhr

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