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Ruedi Häusermanns „Gang zum Patentamt“ im HAU 1

Gang zum PatentamtGenie und Aberwitz kreuzen sich grandios bei Paul Scheerbart: Poet und Konstrukteur, visionärer Vordenker sozialer Entwürfe und chaotischer Zerstörer der eigenen Existenz. Seine Theorie einer lichtdurchfluteten Glasarchitektur inspirierte Bruno Taut, seine Märchen und Gedichte sind von entwaffnend naiver Schönheit. Im Dunstkreis von Peter Hille und Erich Mühsam gehörte er wohl zu den modernsten Geistern um 1900: Ein wilhelminischer Punk, der sich im multikulturellen Berlin von heute pudelwohl fühlen würde.
1915 verhungerte der unverbesserliche Idealist aus Protest gegen den Ersten Weltkrieg. Die Lebensjahre davor widmete er der Konstruktion eines Perpetuum Mobile, das alle Energieprobleme lösen und somit einen entscheidenden Beitrag zum Weltfrieden leisten sollte. Genau diesem Projekt widmet sich jetzt der Schweizer Komponist, Regisseur und langjährige Marthaler-Kompagnon Ruedi Häusermann im HAU 1 mit seinem Stück „Gang zum Patentamt“. Mit Scheerbarts Texten zum Perpetuum Mobile, eigenen Kompositionen für vier Einhand-Klaviere und einer Bühnenoptik, in der es rattert, rotiert, ruckelt und zuckelt, dringt er in die Gedanken des weltfremden Wortkonstrukteurs ein. „Ich habe mich lange gefragt, was für ein Mensch mit einer solchen Akribie in eine Welt eintauchen mag, von der man niemals weiß, wie ernst er sie meint. Aus dieser Unklarheit entwickelte sich von ganz allein Schönheit“, sagt Häusermann über Scheerbart. „Mir gefällt diese Kombination von Absurdität, Ernst, Kindlichkeit und Weisheit. Man errichtet seine Sandburg, die gar keinen Zweck erfüllen muss, aber man kann darin trotzdem Prinzessin spielen.“
Häusermann geht es um einen geschützten Raum, der nur deshalb geschützt ist, weil er in der äußeren Welt nicht existieren kann: „Das Ziel besteht nicht darin, sich gegen das Äußere zu wehren, sondern das Innere zu stabilisieren.“ Der „Gang zum Patentamt“ ist nicht Häusermanns erste Begegnung mit Scheerbart. 1993 war er bei Christoph Marthalers legendärer Volksbühnen-Inszenierung „Murx den Europäer“ dabei, die ihren Titel einem Scheerbart-Gedicht verdankte.
In einer Zeit, in der die mechanischen Prozesse auf mikroskopische Chips reduziert sind, fasziniert Häusermann die Welt der sichtbaren Kraftübertragung. „Die Wunder der Mechanik sind uns entrissen worden“, konstatiert er und doch leuchten seine Augen wie die eines Vierjährigen, der erstmals einen Turm über den eigenen Kopf hinaus baut. Wie Paul Scheerbart überlistet auch Ruedi Häusermann die Physik mit Hilfe der Poesie.    


Text: Wolf Kampmann
Foto: Thomas Aurin


Gang zum Patentamt

22., 24., 25., 26 September, ?19.30 Uhr im HAU 1, Stresemannstr. 29, Kreuzberg

Theater und Bühne in Berlin von A bis Z

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