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Rufus Wainwright über die Inszenierung der Shakespeare-Sonette

RufusWainrightDer 35-Jährige hat den ganzen Vormittag auf der Probebühne des Berliner Ensembles zugebracht. „Ich komme gerade aus einer anderen Welt“, sagt er zur Begrüßung, und: „Das Tageslicht blendet!“ In den folgenden 30 Minuten vertilgt der schwule Musiker nicht nur zwei Gänge, sondern ist auch zum Philosophieren aufgelegt, das er mit Selbstironie und meckerndem Lachen untermalt: Der handfest wirkende Typ zum Pferdestehlen entpuppt sich als opernhafte Diva. Dann muss er auch schon weiter nach London.

tip Rufus Wainwright, normalerweise kennt man Sie als Sänger melancholischer Pop-Chansons, als Judy-Garland-Verehrer oder schmachtlockigen Gast in Edel­hol­lywoodproduktionen wie „The Aviator“. Was für eine freudige Überraschung, Sie jetzt auf dem Spielplan des Berliner Ensembles als Komponisten für „Shakes­peares Sonette“ in der Regie von Robert Wilson zu entdecken!

Rufus Wainwright Die Idee zu diesem Auftragswerk des BE stammt von der Dramaturgin Jutta Ferbers. Aber ich kenne Bob Wilson auch schon seit Jahren und wollte immer mal mit ihm zusammenarbeiten. Obendrein bin ich ein großer Kurt-Weill- und Brecht-Fan, deswegen war die Kombination aus Bob Wilson, Shakes­peare und der Arbeit gerade an diesem Theater für mich sehr verlockend.

tip Bob Wilson hat schon öfters mit Popmusikern zusammengearbeitet wie Tom Waits, Lou Reed, Herbert Grönemeyer. Sehen Sie sich da in einer Linie?

Wainwright Ich bin jünger! Ein biss­chen jedenfalls. Bobs Watermill Center in der Nähe von New York bemüht sich besonders um junge Talente, nicht wegen der Jugend als solche oder weil sie gut aussehen wie ich (lacht), sondern weil er wirklich nach vorne denkt. In der Arbeit ist er ungeheuer diszipliniert, er weiß genau, was er will. Man ordnet sich automatisch in eine Hierarchie ein, was für mich kein Problem ist, weil ich meine kleinen Ecken finde, in denen ich glänzen kann. Bob hat ein sehr spezielles Genie. Merce Cunningham hat ihn ebenso beeinflusst wie die alten Ägypter. Sein Sinn für Propor­tionen und Ordnung ist fantas­tisch. Und er hat gelernt, seine Hy­per­emp­find­samkeit in eine Kraft zu verwandeln. Inge Keller etwa, die große alte Schauspielerin, hat ihn bei den Proben zum Weinen gebracht – einfach, weil er so angerührt davon war, mit einer solchen Legende zu arbeiten.

tip Normalerweise wird das deutsche Stadttheater nicht gerade mit Glamour in Verbindung gebracht. Wie gefällt Ihnen die Arbeit an dieser urdeutschen Institution?

Wainwright Komischerweise habe ich das Gefühl, es schon ganz gut zu kennen. Ich bin mit Christoph Schlingensief befreundet und kenne eine Menge Dirigenten und Opern­regisseure.

tip Ihr Lebensgefährte Jörn Weisbrodt hat jahrelang an der Staatsoper gearbeitet.

RufusWainrightWainwright Jetzt arbeitet er für Watermill. Er hat mich vielen Leuten vorgestellt. Und er hat mir erklärt, dass die Revolutionen der Deutschen statt auf der Straße wie bei den Franzosen und Amerikanern in den Künsten und im Theater stattgefunden haben. Amerika bildet sich viel darauf ein, eine freie Gesellschaft geschaffen zu haben, aber wenn du ins Theater oder ins Kino gehst, ist es konservativ, engstirnig und uninteressant. Ich habe ein Mordsglück, ich kriege das Bes­te aus beiden Welten, die deutsche Hochkultur und die amerikanische Idee einer freien und toleranten Gesellschaft.

tip Ihre Begeisterung für europäische Hochkultur in Ehren: Aber ist die angelsächsische Popmusik nicht auch innovativ, vielschichtig und komplex?

Wainwright Das stimmt. Ich komme aus einer amerikanisch-kanadischen Folk-Familie mit ein bisschen Rock’n’Roll drin, aber mit 14 Jahren bin ich schlagartig ein absoluter Opernfanatiker geworden. Tatsäch­lich schreibe ich auch gerade eine Oper für das Manchester International Festival, und obwohl ich „Shakespeares Sonette“ sehr ernst nehme, ist diese Theaterarbeit auch eine Art Vorspiel für „Prima Donna„.

tip Wie muss man sich das musikalisch vorstellen?

Wainwright Die Komposition wird sehr romantisch, sehr französisch. Ein bisschen Ravel, ein bisschen Debussy, auch ein wenig Janбcek und Mussorgsky, und sehr, sehr viel Strauß … Sie sehen, ich wandle da auf einem ziemlich schmalen Grat, es kann totaler Müll werden – oder total großartig! Oder großartiger Trash!

tip Und was stellen Sie am BE mit Shakespeares Sonetten an?

Wainwright Das geht mehr in Richtung Pop, wobei ich selber ja gar nicht für Popmusik im engeren Sinn stehe. Wissen Sie, was ich glaube? Im 20. Jahrhundert wurden Imperien gestürzt, politische Sys­te­me umgewälzt, ganze Völker ausgerottet. Die Kunst hat diese Katas­trophen und Zerstörungen ausgedrückt und gespiegelt, zum Teil auch vorhergesehen. Am Anfang dieses Jahrhunderts geht es um Rekonstruktion, egal ob es Popmusik oder Malerei oder Theater betrifft. Wir schauen zurück – nicht, um zu kopieren, aber um Teile aufzugreifen und zu bewahren. Natürlich geschehen immer noch schreckliche Dinge in der Welt, aber ich denke, dass wir gemeinsam etwas dagegen unternehmen können. Müssen!

tip Jetzt klingen Sie ein bisschen wie Barack Obama.

Wainwright Die Wahl von Obama war der Moment in meinem Leben, in dem ich so stolz wie noch nie auf mein Land war. Die Wahl war der Beweis dafür, dass die Verfassung noch funktioniert.

tip Vor dem Hintergrund der Rekonstruktion: Was bedeuten Shakes­peares Sonette für Sie?

Wainwright Man muss sie regelrecht studieren, um ihrem Sinn auf die Spur zu kommen. Aber das ist extrem erfüllend und eine ungewöhnliche Tätigkeit in unserer Zeit, wo alles sofort verständlich sein soll, weil Nachdenken Zeit kostet. Die Sonette gewinnen umso mehr Tiefe, je öfter man sie liest.

Das ganze Interview der tip- Autorin Eva Behrendt lesen sie in der aktuellen Ausgabe 08/2009.

Foto: Catherine Gericke

Shakespeares Sonette Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, 7.-9.4. (ÖP), 11.4. (VA), 12.4. (P), 13.+14.4., 28.4., 19.30 Uhr, 29.4., 19 Uhr

 

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