Theater

Rummelplatz im Maxim Gorki Theater

RummelplatzEin Bergbau-Musical ist es dann doch nicht geworden. Doch ein paar frühe Szenen lang sieht es so aus, als sei Gorki-Intendant Armin Petras in seiner Inszenierung von Werner Bräunigs schwerblütigem Nachkriegsroman „Rummelplatz“ schnell auf die Seite der leichten Muse geflüchtet: Erst verwandelt der energie­strotzende Ensemble-Neuling Brit­ta Hammelstein als Kneipenkraft Ingrid vier illusionslose Textzeilen in eine leidenschaftlich geröhrte R&B-Arie, dann philosophiert Peter Kurths Vorzeigesozialist Hermann Fischer im schrägen Sprechgesang über „das leben der steine“, und schließlich tanzen auf dem titelgebenden Jahrmarkt vier lustige Bergbauindianer mit leuchtender Atomkriegsbemalung den Kumpel-Rave.

Wir befinden uns in der Wismut, jener russisch kontrollierten Uranbergbauregion, mit der die DDR ihre Reparationszahlungen und einen Beitrag zum atomaren Wettrüsten leistete. Der Arbeitersohn Werner Bräunig, geboren 1934, beschrieb getreu dem eigenen Motto „Greif zur Feder, Kumpel!“ in seinem unvollendeten Epos die gefährliche Schwerstarbeit im Schacht aus eigener Anschauung und porträtierte dabei seine eigene Lost Generation, die in den 50er Jahren versuchte, aus den Härten des Wiederaufbaus ein paar Funken Lebenslust und Zukunftsoptimismus zu schlagen. Obwohl Bräunig alles andere als ein Dissident war, erregte sein ungeschönter Realismus das Missfallen des Genossen Walter Ulbricht höchstselbst und blieb unge­druckt. Erst 2007, 31 Jahre nach dem frühen Tod des Autors, erschien „Rummelplatz“ – und wurde einhellig gefeiert.

RummelplatzPetras hat nun den 800-Seiten-Ziegel zu einer erstaunlich ausgewogenen Fassung aus atmosphärischem Kolorit, ideologischen In­nenansichten, Plot- und Figurenwiedergabe verdichtet. Wie die meisten seiner Adaptionen prägt auch die „Rummelplatz“-Version der typische Petras-Sound alltäglicher Poesie. Doch so geschickt und herausfordernd der Regisseur sich seine Textvorlagen auch schreibt – am Ende inszeniert er, ob mit Max Frisch oder Clemens Meyer, doch immer wieder die gleiche Geschichte von den liebenswerten Stehaufmännchen, die slapstickhaft über eine Utopie stolpern, auf die Nase fallen und sich wieder aufrappeln.
So bleiben die beiden Protagonisten, der Professorensohn Chris­tian Kleinschmidt und der halbstarke Anarchist Peter Loose vor allem ulkige Figuren. Milan Peschels Christian, der sich sein Studium mit „Schwielen an den Händen“ verdienen muss und über die Jahre in der Wismut auf Linie gebürstet wird, ist ein listiges Kerlchen, Michael Klammer konzentriert seinen Loose ganz auf den schüchternen Frauenversteher mit Gitarre. Regine Zimmermann scheint als erste Maschinenführerin Ruth Fischer direkt einem Brechtschen Lehrstück entsprungen, um dann als Saufkumpan Heidewitzka breitbeinig und mit derbem Pfälzer Dialekt auf den Putz zu hauen. Das ist saukomisch, bloß: von Lost Generation, Kriegstraumata und der Materialität harter Arbeit kaum eine Spur. Die Parteikarrieren, die früh schon geschmiedet werden, bleiben diskret am Rande, und geschuftet wird nur im Video, das Niklas Ritter auf die Rückwand der kahlen, schachtartigen Bühne von Susanne Schuboth projiziert.
Wenn sich schließlich das Volk zum 17. Juni 1953, dem Sündenfall der jungen DDR, zusammenrottet, hat Peter Kurths Fischer ein erns­tes letztes Wort. War doch ein gut gemeinter Versuch, sagt er sinngemäß, das müsst ihr anerkennen! Wie sehr schon zuvor der Wurm drin war, hat man bei Petras zu wenig gesehen.

Text: Eva Behrendt
zur Bildergalerie: Thomas Aurin

zum Interview mit Armin Petras

(Zwiespältig)

Rummelplatz
im Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte
14.3., 19.30 Uhr

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