Theater

„Sacrй Sacre du Printemps“ kommt ins HAU

SacreSacreDuPrintempsLaurent Chйtouane gilt als Spezialist für extravagante Exorzismen. Regelmäßig wird dem Regisseur und Choreografen bescheinigt, seinen Stoffen Sinn und Sinnlichkeit auszutreiben und sie in den Zustand aufgespießter Schmetterlingskollektionen – schön, aber sperrig und leblos – zu überführen. Chйtouanes jüngste Inszenierung, die jetzt ins HAU kommt, ist dazu angetan, solche Vorurteile zu widerlegen. Sie fällt zwar nicht rundum überzeugend aus. Doch das, was gelungen ist, gleicht die szenische Durststrecke gegen Ende der eineinhalbstündigen Aufführung allemal aus.

Der Franzose schultert dieses Mal keinen Text und kein Konzept, sondern einen Klassiker der Moderne. Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du Printemps“, 1913 in einer ebenso bahnbrechenden wie seinerzeit skandalösen Choreografie von Vaclav Nijinsky und den Ballets Russes uraufgeführt, ist ein Meisterwerk, dessen Wucht das Publikum gern erliegt. Choreografen können selten der Versuchung widerstehen, das heidnische Ritual aus dem alten Russland mit tänzerischen Pathosformeln auszukleiden.
Genau darunter zieht Chйtouane einen dicken Strich. Er schickt sieben schwarz gekleidete Tänzer auf eine von silbergrauen Stellwänden begrenzte Spielfläche und lässt sie neunzig Minuten lang vor allem einer Tätigkeit nachgehen: dem schwierigen Geschäft der Kommunikation. Gemeinsam mit den Darstellern hat Chйtouane dafür eine Verkehrssprache entwickelt, die geometrische Körpermuster ausbuchstabiert, aneinander reiht und überaus sorgfältig ineinander verflicht. Arme und Beine beschreiben Kreise, Achterschleifen und Rhomben, ganz so, als wäre Nijinskys Raumkonzept nun umgekehrt den tanzenden Leibern eintätowiert worden. Einen Stellungskrieg gibt es hier nicht – keinen Außenseiter, keine Auserwählte, keinen Paria. Kein Opfer.

„Sacrй Sacre du Printemps“ heißt Chйtouanes Traditionsverneinung, und sie markiert tatsächlich einen Bruch. Der Versuch, das Kollektiv auf brüderlichen Kurs zu bringen und damit die alten Täter-Opfer-Spiele ad acta zu legen, entfaltet großen ästhetischen Reiz. Aber gemeinsam mit der gewohnten Viktimisierungsstrategie geht eben auch das Irritierende, Gewalttätige, das Machtvolle und Anstößige über Bord – die Tatsache nämlich, dass Auslöschung und Mord im Namen höherer Interessen alltägliche Realität sind. Die Patina der Zivilisation, die Strawinskys „Sacre“ abkratzt, ist in den letzten hundert Jahren dünn geworden. An dem Punkt geht Chйtouane in die Irre.
Was nichts daran ändert, dass seine Utopie ehrenwert ist und außerdem mit feinen Theatermitteln, einer unkonventionellen Bewegungsrhetorik und großartigen Akteuren aufwartet. Das ist erheblich mehr, als sich von vielen anderen „Sacre“-Adaptionen behaupten lässt.     

Text: Dorion Weickmann
Foto: Oliver Fantitsch

Sacrй Sacre du Printemps
HAU 1, Mi 8.–Fr 9.11., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 25 90 04 36

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