Theater

Sasha Waltz und ihre Compagnie

Sasha WaltzBraun gebrannt und sehr entspannt sieht Sasha Waltz aus. Wunderschön sei der Sommer am Meer gewesen, sagt sie. Jetzt sind die Ferien vorbei. Ein wichtiger Termin steht ins Haus: Am 18. September feiert die Compagnie Sasha Waltz & Guests ihr fünfzehnjähriges Jubiläum mit einer großen Party im Radialsystem. Äußerst erfreulich, eigentlich. Anlass zum Feiern gibt es wirklich. Niemand, nicht einmal die Choreografin selbst, hätte damals, vor fünfzehn Jahren, als im Theater am Halleschen Ufer das charmante und ungemein komische „Twenty to Eight“ heraus kam, für möglich gehalten, was kommen sollte: Eine kleine, unbekannte, bestenfalls als Geheimtipp gehandelte Off-Choreografin entwickelt sich zur bedeutendsten Choreografin ihrer Generation, zur bekanntesten Choreografin Deutschlands direkt nach Pina Bausch.

Für die Tanzinteressierten in Berlin sind all die seitdem entstandenen Stücke ein wunderbares Geschenk gewesen. Was für ein Glück war „Twenty to eight“, damals, vor fünfzehn Jahren, als man ahnungs- und erwartungslos ins Theater am Halleschen Ufer spazierte und sich unversehens in einem rasanten, verrückten, großartigen Comicstrip wieder fand, in dem die Figuren in abgehackt-aufgedrehten Bewegungen wie in einem Stummfilm über die Bühne wuselten, sich die Gegenstände selbstständig machten und sich Sasha Waltz und ihr Partner Nasser Martin-Gousset ein leidenschaftliches, Gänsehaut hervorrufendes, kämpferisches Balzritual lieferten. Alle Freunde hat man danach angerufen, jeden Abend ist man dort gewesen.

Und dann 1996 das ebenso wunderbare, ein wenig marthalerhafte „Allee der Kosmonauten„, mit der die Choreografin die von ihr mit Freunden gegründeten Sophiensaele eröffnete – und prompt zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Knapp dreieinhalb Jahre später, im Januar 2000, folgte der Quantensprung: Sasha Waltz wechselt an die Schaubühne und ihr Eröffnungsstück „Körper“ avanciert zum Kult. Wie mit einem Echolot scheinen in „Körper“ die nackten Betonwände der gewaltigen Schaubühnen-Apsis durchmessen und unsichtbare Grenzen in den Raum gezogen zu werden. Mit „Körper“ erfindet sich die Choreografin neu und wird schlagartig weit über die Grenzen der Tanzgemeinde hinaus berühmt.

Es ist danach noch rasend weiter gegangen mit hervorragenden Schaubühnen-Stücken wie „noBody“ oder „Impromptus“ und einem weiteren Quantensprung, der dieses Mal an die Oper führt. Zu Purcells „Dido & Aeneas„, Pascal Dusapins moderner „Medea„, und nicht zuletzt zu Hector Berlioz’ dramatischer Sinfonie „Romeo et Juliette“ für das Sasha Waltz den gesamten Apparat der Pariser Oper dirigierte: Ein riesiges Orchester, die Startänzer und -sänger des Hauses, einen hundertköpfigen Chor. Nur, sagt Sasha Waltz heute, sei damals, bei dem Sprung an die Schaubühne und all dem sich anschließenden künstlerischen rasanten Weiter und Weiter, etwas nicht mehr recht hinterher gekommen in ihrer Seele. In den vergangenen fünfzehn Jahren ist ein Werk entstanden, ein Repertoire, das nicht nach kurzer Spieldauer wieder verfällt, sondern dass Bestand hat bis heute, vom ersten bis zum letzten Stück. Alles war großartig also, bis dann, auf den schwindelerregenden Pariser Erfolg im vergangenen Herbst, ein Zustand körperlicher und seelischer Erschöpfung folgte. Über ein halbes Jahr hat die Choreographin kaum mehr arbeiten können. Eine für das Frühjahr geplante Premiere wurde gestrichen, die Gastspielreisen in alle Welt fanden ohne sie statt.

Jetzt, mit der Geburtstagsparty, beginnt wieder das Leben in der Öffentlichkeit. Wenn man Sasha Waltz früher nach ihrer unglaublichen Karriere fragte, wurde sie schnell ungehalten. In solchen Kategorien denke sie nicht, pflegte sie zu antworten. Sie sei mit dem Kopf und aller Kraft immer bei dem, was sie gerade tue. Heute sagt sie, dass Erfolg etwas Großartiges sei, aber dass der Kunstmarkt dabei sogartig von einem Besitz zu ergreifen drohe und man gar nicht merke, wie man in eine Dynamik gerate, der man sich kaum entziehen kann. Und dass sie sich gerade zurückbesinne auf dass, was ihr selbst wesentlich sei. „Ich will zurück zu meiner Quelle“, sagt sie, „zu dem, warum ich Kunst mache.“ Das große Jubiläum, bei dem soviel Staunenswertes und Großartiges gefeiert werden kann, ist also auch von einem leisen Hauch von Traurigkeit umweht. Einer Traurigkeit, die viel mit den Grenzen der Belastbarkeit zu tun hat. Mit der Schaubühne, wo sie heute noch ihre dort entstandenen Stücke zeigt, hatte Sasha Waltz eigentlich den für sie optimalen Ort gefunden – nur leider nicht die optimale Unterstützung. Hinter den Kulissen flogen die Fetzen mit Schauspielchef Thomas Ostermeier und mehr noch mit dem geschäftsführenden Direktor Jürgen Schitthelm. Nach fünf Jahren packte Sasha Waltz ihre Sachen und ging. Sie und ihre Tänzer erfanden sich neu als freie Gruppe Sasha Waltz & Guests, auf einem bis dahin nicht gekannten Niveau. Sie errang 2006 den ersten festen Haushaltstitel im Berliner Kulturhaushalt seit über zehn Jahren. Unterfinanziert blieb sie trotzdem. Und wurde, nur halb freiwillig, wie vor der Schaubühnen-Ära, wieder zur Künstlerin, die gleichzeitig auch Kunst-Unternehmerin ist.

Es ist schwer zu sagen, wie die Tanzszene in Berlin aussehen würde, ohne die Impulse, die Sasha Waltz der Stadt in dieser Doppelrolle gegeben hat. Nicht allein als Choreografin, sondern auch als Kopf der Compagnie Sasha Waltz & Guests, hinter der sich ein ganzes Künstlernetzwerk verbirgt. Vor allem, als Macher und Impulse-Geber im Hintergrund: Sasha Waltz’ Ehemann Jochen Sandig. Mit ihm hat Sasha Waltz nicht nur zwei Kinder, Laszlo (11) und Sophia (6). Gemeinsam mit ihm, und noch mit ihrer Schwester Yoreme als Verstärkung, hat Sasha Waltz vor fünfzehn Jahren ihr erstes Stück produziert. Gemeinsam haben sie die Sophiensäle gegründet, sind an die Schaubühne gewechselt, haben sich an freie Opernproduktionen gewagt – was selbst bedeutende Intendanten damals für nicht machbar hielten. Ohne die Unterstützung von Sasha Waltz & Guests wäre die Gründung des von Jochen Sandig und Folkert Uhde geleiteten Radialsystems nicht möglich gewesen.

Es ist nicht abzusehen, wie es jetzt weiter gehen wird. Nur soviel steht fest, der fünfzehnjährige Geburtstag, er ist zu einer Zäsur geworden. Etwas Neues beginnt mit Sasha Waltz & Guests. Nicht leicht und verspielt wie vor fünfzehn Jahren, aber vielleicht wird es am Ende genau das werden. Erst einmal gibt es ein Fest, ein Wiedersehen mit „Dido & Aeneas“ in der Staatsoper und ein Gastspiel von „Jagden und Formen“, einem musikalisch-choreografischen Projekt von Ensemble Modern und Sasha Waltz & Guest zu einer Komposition von Wolfgang Rihm im Radialsystem. Grund zum Freuen also.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Sebastian Bolesch

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