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Sasha Waltz – Wechselwirkung zwischen Tanz und Raum-Recherche

Sasha-Waltz_2013_c_Andre-RivalSasha Waltz bewegt sich in ihren Tanzstücken immer wieder in und zwischen den unterschiedlichsten Genres: Tanz, Oper, Theater, Neue Musik, Bildende Kunst. Diese Wechselwirkungen ­zwischen Tanz und Raum-Recherche untersucht Peter Weibel, einer der ­wichtigsten ­europäischen Kunsttheoretiker, in einem Essay über Sasha Waltz und die Avantgarden der ­Bildenden Kunst – unser Geschenk zum 20. Geburtstag von Sasha Waltz and Guests.

Der Tanz wird zur Installation, ?das Bild wird zur Performance
von Peter Weibel

Die Bildenden Künste nähern sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts den Aufführungsformen des Theaters und des Tanzes an. Die Fotos und der Film von Hans Namuth über Jackson Pollock beim Malen haben um 1950 die Idee des Action Painting popularisiert. Der Akt des Malens wurde via Fotografie und Film zu einer Performance, zu einer Aktion vor Publikum. Yves Klein hat 1960 reale Körper als Pinsel verwendet: zuerst wälzten sich nackte weibliche Modelle vor Publikum in Farbe, dann malte“ Klein mit deren Körperabdrücken auf der vertikalen Leinwand. Die Malerei hat sich von einer reinen Bild- und Darstellungskunst in eine zusätzliche Handlungs- und Aufführungskunst gewandelt.

Inspiriert durch die Ideen von John Cage hatte Robert Morris, der ursprünglich Maler war, den Einfall, dass Kunst das Dokument einer Handlung des Künstlers sein könne. Da Morris in den 1950er-Jahren mit der Tänzerin Simone Forti zusammenlebte, wuchs sein Interesse an Tanz und Choreografie. 1961 produzierte Simone Forti in Yoko Onos New Yorker Studio ein Programm mit dem Titel „Five Dance Constructions and Some Other Things“, bei dem sich das Publikum durch den Raum bewegen musste, um die einzelnen Performances zu sehen. Kisten, Wippen und Rampen animierten das Publikum zu „gewöhnlichen Bewegungen“. Diese Objekte wurden von Robert Morris hergestellt und beeinflussten seine bildhauerische Arbeit. Bei seiner Ausstellung „bodyspacemotionthings“, 1971 in der Londoner Tate Gallery, integrierte er das Publikum in seine dreidimensionalen Werke: Die Besucher mussten die Skulpturen und Objekte besteigen, auf ihnen balancieren, sich an ihnen vorbeidrängen etc. Die Besucher wurden zu Performern, ihre Handlungen bildeten Zufalls-Choreografien.
Die Bildende Kunst hat also Malerei und Skulptur in Handlungen und somit die Kunst des Raumes in eine Kunst der Zeit verwandelt. Sie hat einen „performative turn“ vollzogen. Durch die Kollaborationen von John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns und Robert Rauschenberg wurde die Fusion von Malerei, Skulptur, Tanz und Musik zu einem Signum der „performativen Wende“ in den 1960er-Jahren. Aufführungskünste und Ausstellungsformen gingen eine neue Einheit ein.

Die Arbeit von Sasha Waltz steht in dieser Tradition. Auch sie arbeitet mit zeitgenössischen Musikern, Malern und Medien nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Museum. Um die Position des Tanzes innerhalb der performativen Wende der Kunst zu verstehen, ist es von Vorteil, für den Tanz eine vierstellige Matrix zu entwerfen, bestehend aus Körper, Bewegung, Raum und Zeit. Wenn man aus dieser Matrix zwei Elemente entfernt, nämlich Bewegung und Zeit, und stattdessen Statik und Stillstand einsetzt, entsteht die Matrix der Skulptur, nämlich Raum und Körper. Werden die Elemente Objekt, Sprache, Musik und Bild (Projektion und Bühnenbild) zur Matrix des Tanzes addiert, entstehen Theaterstücke, theatrale Tanzstücke, Opern und Ballette. Die klassische Beziehung zwischen Choreografie und Szenografie bilden Tableaux vivants, inszenierte lebende Bilder. Sasha Waltz & Guests bewegen sich innerhalb dieser variablen Matrix: einmal lebendes Bild mit lebenden Körpern, also Choreografie und Szenografie, einmal nur Szene mit Objekten und Bühnenbild, einmal nur Installation ohne die Körper der Tänzer. Das heißt: einmal nur Aufführung und einmal nur Ausstellung, ein anderes Mal beides zusammen. So sehr Künstlerinnen und Künstler die visuelle Kunst in Performance verwandelt haben, so sehr hat Sasha Waltz auf der Seite des Tanzes die Performance in visuelle Kunst verwandelt.

Dialoge_09_Neues_Museum_2009_52_c_BerndUhligWir können also in der heutigen Avantgarde zwei gegensinnige Tendenzen beobachten: Tanz, Musik und Performance tendieren zur Kunst des Raumes, also zur Installation, zur Skulptur und zum Objekt. Malerei und Skulptur tendieren zur Verwandlung in zeitbasierte Künste. Aufführungen werden zu Ausstellungen, Ausstellungen zu Aufführungen. Choreografien werden zu Installationen (ohne Tänzer oder mit Publikum als Performer). Dadurch werden bei Sasha Waltz Installationen zu Choreografien fürs Publikum. Durch eine fokussierte Führung werden Bühnen- oder Ausstellungsraum zu einem Erlebnisraum des Betrachters, der die Intensität des Erlebens selbst steuern kann. Wichtige Arbeiten von Sasha -Waltz in diesem Zusammenhang sind Performances, die seit einigen Jahren schon im Museum aufgeführt werden, unter anderen die frühen „Dialoge 99/II“ im Jüdischen Museum Berlin, die „Dialoge 08 – Carlo Scarpa“ in Venedig, die 2009 entstandenen Projekte „Dialoge 09 – Neues Museum“ in Berlin und „Dialoge 09 – MAXXI“ in Rom.

Die Definition, was Tanz, Skulptur, Aufführung, Ausstellung, Bühnenbild, Installation ist, was Raum- und Zeitkunst ist, wird variabel. Dies ist die Lektion der Tanzcompagnie von Sasha Waltz. Sie setzt neue Akzente auf einem neuen Terrain, in dem sie die Matrix Tanz und Theater in die Matrix Skulptur und Installation verwandelt. In den vergangenen fünfzig Jahren konnten wir einerseits die Verwandlung der zwei- und dreidimensionalen Kunst, nämlich Malerei und Skulptur, in mehrdimensionale Handlungsformen wie Aktion, Ereignis, Event, Happening, Performance beobachten. Ich spreche daher von dem „performative turn“ in der Bildenden Kunst. Andererseits sehen wir seit Kurzem, dass sich die Handlungsformen der Musik, des Theaters (Christoph Schlingensief) und vor allem des Tanzes (Sasha Waltz) in Installationen, Environments und Objekt-assemblagen verwandeln. Dementsprechend könnte man bei der Verwandlung von Tanz, Theater und anderen performativen Handlungen in zwei- und dreidimensionale Objekte, also in Bilder, Skulpturen, Installationen, von einer „installativen Wende“ sprechen. Sasha Waltz ist eine Pionierin dieser installativen Wende. Sie erweitert das Feld der Installation um Handlungen und Menschen.

Bei der Beschreibung der Arbeiten von Sasha Waltz stoßen wir auf eine Kette von Gegensatzpaaren: flüchtig und dauerhaft, bewegt und unbewegt, belebt und leblos, kontinuierlich und diskontinuierlich, endlich und unendlich, sichtbar und unsichtbar, real und virtuell, Dokumentation und Echtzeit. Diese binäre Opposition markiert die Grenze zwischen Bild und Szene, Installation und Tanz, zwischen Objekt und Bewegung, zwischen unbelebter Skulptur und Körpern in Bewegung. Sasha Waltz hebt diese Grenze zwischen raum- und zeitbasierten Künsten auf. Folgerichtig verschwindet auch die Grenze zwischen Aufführung auf der Bühne und Ausstellung im Museum. Tanz wird zur Installation und Installation zur Handlung.

Im Theater sieht der unbewegliche Zuschauer aus der Distanz das Geschehen auf der Bühne. Im Ausstellungsraum bewegt sich der Betrachter auf der „Bühne“ durch das Geschehen, er ist selbst Teil der Bühne und des Geschehens, und bestimmt selbst die Distanz zum Geschehen beziehungsweise zum Objekt. Sasha Waltz verbindet Skulptur und Bewegung. Dadurch wird der Bühnenraum in einen Ausstellungsraum verwandelt. Sasha Waltz ist sowohl im Feld der Kunst wie in dem des Tanzes innovativ. Die Tänzerin wird zur Bildenden Künstlerin. Die Choreografie des Raums, die Notation des Raums im Medium Tanz, wird zu einer neuen Choreografie der Architektur und der Skulptur: „Ich denke an einen Raum, bevor ich an Bewegung denke“, sagt Sasha Waltz.

Prof. Peter Weibel ist Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Das ZKM zeigt bis Februar 2014 eine große Ausstellungsinstallation zum Werk von Sasha Waltz.

Termine:

Sacre ?Staatsoper im Schiller Theater, Sa 2.11., 19.30 Uhr, ?Karten-Tel. 20 35 45 55

Twenty to Eight ?Haus der Berliner Festspiele, Fr 15.–Sa 17.11., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 30 25 48 91 00

Impromptus? Radialsystem Do 21.–So 24.11., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 288 78 85 88

Sasha Waltz: Installationen Objekte Performances ?ZKM Karlsruhe. Bis 2.2.2014. www.zkm.de

Fotos: Andrй Rival / www.andrerival.de (Porträt); Bernd Uhlig (Dialoge 09, 2009 Neues Museum)

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