Theater-Installation

„Schatten (Eurydike sagt)“ an der Schaubühne

Elfriede Jelineks Text „Schatten (Eurydike sagt)“ ist ein Todestrip ins Reich der Schatten, und er hält genau, was der Titel verspricht: Der lange Monolog gehört Eurydike.

Foto: Gianmarco Bresadola, 2016

Die von Orpheus besungene, aber stumme Frau, spricht selbst, wird also, wie StudentInnen der Literaturwissenschaft sagen würden, vom Objekt zum Subjekt der Kunst. Das wurde Zeit nach den tausenden von Jahren seit Ovids „Metamorphosen“, in denen Eurydike nur als Liebesobjekt des Sängers Orpheus (der sie mit seinem Gesang von den Toten zurückholt in die Männerwelt) auftreten durfte. In Katie Mitchells eher technisch als gedanklich ambitionierter Livevideo-Theater-Großinstallation an der Schaubühne ist Eurydike gespalten in die Text-Sprecherin in ihrer Aufnahme-Zelle (Stephanie Eidt) und den stummen Darstellerinnen-Körper (Jule Böwe), der dazu da ist, in Großaufnahmen abgefilmt oder ausgezogen zu werden. Das ist nicht unclever: Die Abspaltung des sprechenden Subjekts vom betrachteten Objekt setzt auf der Bühne Jelineks Umgang mit dem Eurydike-Mythos fort. Als Frau in der Männerkultur ist sie hier das Andere, das Ausgeschlossene; diejenige, die zwar schreibt, aber kein Werk und keinen Wert hat.
Die szenischen Zeichen, mit denen Mitchell arbeitet, stammen nicht aus dem Mythos, sondern aus der Gegenwart. Orpheus (Renato Schuch) ist ein Rockballaden-Sänger der viril-öligen Sorte.
Die Fahrt in den Hades erfolgt nicht traditionell per Boot und Fährmann, sondern in einem alten VW; abwärts in die Unterwelt geht es im Fahrstuhl. Die Aufführung hat trotz der beiden starken Eurydike-Darstellerinnen zwei Probleme: Der technische Aufwand, den Mitchell betreibt, wirkt zunehmend unfreiwillig komisch und schrecklich bemüht. Fataler ist das zweite Problem der 100-Minuten-Höllenfahrt: Das Spiel mit der Feier des Todes als Befreiung aus der Männerwelt gleitet in den Kitsch der schwarzen Romantik, in ein wehes Raunen, das so etwa das Gegenteil der herben, harten, bösen Intelligenz von Jelineks Sprache ist.

Schaubühne Mi 9.11.–Fr 11.11., Mo 14.11.–Mi 16.11., 20 Uhr, Eintritt 7–48 €

Bewertungspunkte4

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