Theater

Schillernd: „Die Räuber“ beim Theatertreffen

Keine Frage: Nicolas Stemanns Moor-Boygroup hat echtes Star-Potenzial! Und weil sie sich auch noch gut genug mit Friedrich Schiller auskennt, kommt sie sogar beim tendenziell eher betagten Theatertreffen-Publikum im Haus der Berliner Festspiele bestens an. Zu Recht! Gemeinsam mit zwei Profi-Musikern rockt die Vierer-Combo unter dem Motto „Die Räuber“ übers Szenario und zündelt erfolgreich an Miniaturhäuschen im Hobbyeisenbahner-Format herum, die zigfach vergrößert als Hintergrund-Kulisse auf die Bühne projiziert werden.

Aber Stemanns Schiller-Band macht nicht nur deshalb auf Anhieb Spaß, weil sie das denkbar krasseste Gegenprogramm zu Andreas Kriegenburgs wohlfeilem Kafka-Arrangement „Der Prozess“ darstellt, der an den vorhergehenden Abenden über die Theatertreffen-Bühne mäandert war. Sondern vor allem, weil Stemann mit beiläufiger Geste mal eben lässig den meterdicken Staub vom Jugend- und Revoltedrama „Die Räuber“ wischt, das Schiller als knapp Zwanzigjähriger verfasste.

Interessanterweise wird der Plot für heutige Zuschauer dadurch eben genau nicht flacher, sondern – zumindest für Fans intelligenter, komplexer Chöre – facettenreicher. Erst einmal räumen diese „Räuber“ mit dem leidigen Good-Boy-Bad-Boy-Dualismus auf: Bei Schiller wird Karl, der Lieblingssohn des Grafen Maximilian von Moor, von seinem jüngeren Bruder Franz erfolgreich aus der väterlichen Gunst und Erbschaftsfolge heraus intrigiert und gründet daraufhin eine Räuberbande. Die ist zwar hoch idealistisch an Robin-Hood-Idealen geschult, vernichtet aber – wie jeder gute Dialektiker ahnt und jeder Zuschauer spätestens aus Stemanns hochklassigem RAF-Abend „Ulrike Maria Stuart“ nach Elfriede Jelinek weiß – bald auch Unschuldige.

Bei Stemann sind Franz und Karl keine zwei Brüder, sondern lediglich zwei Facetten ein- und desselben Charakters. Und dadurch, dass dieser Franz-Karl Moor mit den tollen, chorisch agierenden Schauspielern Philipp Hochmair, Daniel Hoevels, Felix Knopp und Alexander Simon vierfach besetzt ist, wird dieses Prinzip noch einmal zusätzlich vervielfältigt. Stemann erreicht hier innerhalb der Vielstimmigkeit eine Differenzierung, nach der man sich am Ende des Theatreffens noch leidenschaftlich zurücksehen wird. Nämlich, wenn Volker Lösch in seiner „Marat“-Version nach Peter Weiss mit Hamburger Hartz-IV-Empfängern seine uniformen Chöre aufmarschieren lässt.

Text: Christine Wahl

Die Räuber im Haus der Berliner Festspiele

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