Theater

Jürgen Goschs „Idomeneus“ im Deutschen Theater

Die Tragödie besteht aus dem unausweichlichen Weg in die Kata­strophe, ein Schritt geht den nächsten, jeder hat seine Konsequenzen, und jeder führt ein kleines Stück weiter ins Verderben. Die sinnlose Frage, was wäre gewesen, wenn man vor 1000 oder 10.000 Schritten eine andere Abzweigung genommen, die scheinbar zwangsläufigen Schritte leicht variiert hätte, die Frage, ob das Verhängnis notwendig oder nichts als die Folge eines grauenvollen Zufalls ist, gehört zur Tragödie wie das Wissen um den eigenen Tod zum menschlichen Leben. Indem die Tragödie vom unschuldig-selbstverschuldeten Verderben ihrer Protagonisten handelt, hält sie für den Zuschauer eine beunruhigende Mitteilung parat: Das kann dich auch treffen, niemand ist sicher. Dass dich das Unglück bisher verschont hat, ist nur ein Zufall.

Mit Ironie, dem Lieblingsstilmittel der Moderne, lässt sich dieses Wissen bestenfalls überspielen. Roland Schimmelpfennig ist als Dramatiker eher Ironiker als Tragiker. In „Idomeneus“, seiner Bearbeitung einer Erzählung aus der antiken Mythologie, schließt Schimmelpfennig beides kurz: Die Härte der Tragödie, die keinen Ausweg kennt, und das ironische Gedankenspiel mit der Kontingenz des „Was wäre, wenn“. Es ist ein Text, der immer wieder Handlungszüge zurücknimmt, variiert, andere Ausgänge sucht, die Geschichte versuchsweise gut enden lässt und weder an die Katastrophe noch an die Rettung so recht glauben kann.
Jürgen Gosch löst den kaum spielbaren Text in seiner Inszenierung am Deutschen Theater in einen vielstimmigen Chor auf. Dieser hochvirtuose, nuancenreiche Sprechchor berichtet, fällt in spöttische Kommentare, löst das Berichtete in Dialoge auf oder zeigt Momente purer, also nicht mit falscher Gebrauchstheatralik kontaminierter Verzweiflung. Überhaupt ist dieses Spiel: pur. Rein. Völlig frei vom Schmierstoff des Theater-Theaters. Welche Rollen die Sprecher jeweils übernehmen, wechselt. Ob sie für Passagen Idomeneus oder dessen Sohn, den Chor der Alten oder die Gattin des Idomeneus spielen, ist variabel. Dabei sitzen, kauern und stehen sie rampenparallel, hell angeleuchtet und wie ausgestanzt vor einer weißen Wand, frontal und nah zum Publikum. Johannes Schütz’ Bühne, ein Negativ seiner Bühne für Goschs grandiose „Möwe“-Inszenierung, stellt eine sehr direkte, unverstellte Spielsituation her und gibt ihr gleichzeitig durch die starke formale Setzung einen klaren Rahmen. Wie in anderen Gosch-Inszenierungen sind die Schauspieler auf dieser Bühne ganz bei sich, der Kontakt ist nicht von Äußerlichkeiten und Dekor blockiert, und trotzdem ist das Spiel bei aller Direktheit vollkommen vor dem Abgleiten in Privatismen geschützt. Es ist: reines Spiel. Und das ist ein Theaterwunder.

Vor dieser Wand entfaltet Goschs Chor der Stummen und Gesten ein erstaunliches Regis­ter an Gefühlen und Situationen vom grauenvollen Schrecken bis zur trockensten Komik. Was so entsteht, ist eine wunderbar leichte, in jedem Moment wache, geistesklare Inszenierung. Sie handelt vom Gegenteil dieser Schönheit des Spiels, in der nichts zählt als der Augenblick des gelebten Lebens. Sie handelt vom Tod. Man könnte sagen, für Momente besiegt das Spiel den Tod, indem sie ihn selbst in Spiel verwandelt. „Die Angst vor dem Sterben hat sich in den Jahren nicht geändert“, sagt die Schauspielerin Margit Bendokat ganz am Anfang des Abends. „Ich hänge am Leben“, sagt der Schauspieler Alexander Khuon ganz am Ende des Abends. Darum geht es. Khuon, sonst ein Schauspieler, der vor allem virtuos, gut gelaunt und charmant sein offenbar enormes Talent vorführt, erreicht hier eine unverstellte Gefühlstiefe, ein von allen Ironisierungen und Oberflächenposen entschlacktes Spiel, das einem den Atem (und dem Kritiker die übliche professionell abgebrühte Distanz) nimmt. Das gilt ähnlich für den gesamten Chor: die Tro­ckenkomikern Margit Bendokat, die wunderbare Meike Droste, der diesmal auf sein übliches Grimassieren verzichtende Chris­tian Grashof, Peter Pagel, der mich nie so berührt hat, Katharina Schmalenberg, Barbara Schnitzler, der immer wieder erfreuliche Tragi­komiker Bernd Stempel, Valery Tscheplanowa und Kathrin Wehlisch.

Die Handlung: Idomeneus ist König von Kreta. Nach zehnjährigen Krieg um Troja geraten seine 80 Schiffe auf dem Heimweg nach Kreta in einen schweren Sturm. Idomeneus fleht den Meergott Poseidon an, ihn am Leben zu lassen und verspricht ihm, den ersten Menschen, dem er auf Kreta begegnet, als Opfer für den Meergott zu töten. Ein Deal: ein Leben gegen ein Leben, beziehungsweise: mein Leben gegen irgendein Leben. Idomeneus’ Schiff übersteht als einziges der Flotte den Sturm, der König und seine Mannschaft überleben. Und damit beginnt ihr Unglück. Denn der erste Mensch, der Idomeneus auf Kreta begegnet, ist Idamantes, sein Sohn. Von da an spielt Schimmelpfennig Optionen durch: Idomeneus erwischt seine Frau mit einem Liebhaber im Bett. Oder: Seine Gattin war ihm treu und hat kein Problem, wenn Idomenus seien Sohn ermordet, egal, dann zeugen sie eben einen neuen. Oder: Idomeneus ermordet Idamantes. Oder: Idamantes wird gerettet. Und so weiter. Das ist immer wieder komisch. Und es ist immer wieder fürchterlich. Aber vor allem ist es immer: sehr klar. Gosch gelingt es, hier wie in seinen großen Tschechow-Inszenierungen vollkommen nüchtern und unsentimental und gleichzeitig vollkommen mitfühlend und frei von Zynismen vom Unglück der Menschen zu erzählen. Es ist ein Erzählen, das auf Kommentierungen, Wertungen, Ideologie-Ballast, auf all die eitlen und neurotischen Besser­wis­ser­posen, die das Theater oft so unerträglich machen, zu verzichten. Weil er dem Spiel vertraut, und nur dem Spiel und dem unverstellten Blick auf die Menschen, entsteht hier so etwas wie Wahrheit.

Es ist ein grandioser Theater­abend. Und zumindest bei der Premiere ein sehr gespenstischer. Denn dieses Spiel mit dem Tod ist die Inszenierung eines sehr bewunderten und sterbenskranken Regisseurs. Zum Premieren-Applaus kommt der schwer von seiner Krebserkrankung gezeichnete Jürgen Gosch im Rollstuhl vor die Bühne. Geplant hat Gosch diese Inszenierung zu einem Zeitpunkt, an dem es ihm noch besser ging. Dieser Einbruch des Lebens ins Spiel ist eine fürchterliche Koinzidenz.

Text: Peter Laudenbach

tip-Bewertung: Herausragend

Idomeneus Termine, Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Mitte, 16

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