Theater

„Schlachtfeld Erinnerung 1914/2014“ im Hau 3

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War der Attentäter von Sarajevo ein Kiffer? Ein Graffiti ehrt den Mörder in der Gavrilo-Princip-Straße, Belgrad, 2013

Hans Werner Kroesinger, einer der wichtigsten Dokumentartheater-Regisseure, wagt gemeinsam mit der Filmregisseurin Regine Dura eine unvertraute Perspektive auf den Ersten Weltkrieg: Im HAU 3 untersucht sein Performance- und Ausstellungsprojekt das „Schlachtfeld Erinnerung 1914/2014“ und den Krieg im Osten Europas. „Sobald man den Fokus von der Westfront verschiebt“, sagt Kroesinger, „wird es komplex“. Das beginnt mit dem Attentat von Sarajevo, nicht die Ursache, aber der letzte Auslöser des Krieges. Kroesinger interessiert, wie der Attentäter verteufelt oder ikonisiert wurde. „Hier wird besonders deutlich, wie Geschichte immer interessegeleitet gedeutet wird“, sagt der Regisseur.

Der Attentäter Gavrilo Princip galt in Jugoslawien lange als Freiheitskämpfer gegen die Besatzer. Heute ist er für Bosnier ein Terrorist, die serbischen Schulbücher feiern ihn als Helden. „Die Gedenkplatten, die an ihn erin­nern, erzählen mehr über die Zeit, zu der man sie aufhängte, als über das Attentat selbst“, so Kroesinger.

Fast ein Jahr recherchierten Kroesinger und Dura in Belgrad, Istanbul und Sarajevo. Aus diesen Interviews und Gesprächen ist „Schlachtfeld Erinnerung 1914/2014“ entstanden. In der Performance erzählen ein Bosnier, ein Serbe, ein Österreicher und ein Deutscher Geschichte. Mit Fundstücken, Dias, Flugblättern, Fotoalben, Postkarten, Briefen konstruieren sie ihre widersprüchlichen Erzählungen. Einer der Kernsätze des Abends: „It’s not in my book.“ Je nachdem, in welches Geschichtsbuch man blickt, gibt es gravierende Auslassungen, es entstehen unterschiedliche Erzählungen der gleichen Ereignisse. Bosnisch, Serbisch, Englisch und Deutsch werden wir auf der Bühne hören.

Die Ausstellung mit dem Schwerpunkt Istanbul (das in der Performance nicht vorkommt) ist schon eine Stunde vor der Aufführung geöffnet. Es gibt gefilmte Interviews, etwa mit Soldaten aus dem letzten Jugoslawienkrieg, Bilder, Workshop-Mitschnitte aus dem Umfeld der Produktion. „Wir wollen das Publikum auf eine produktive Art verwirren – und klarmachen, dass wir uns in einem Gestrüpp aus Interpretationen befinden“, sagt Kroesinger. Und: „Das wird ein ziemlich anstrengender Abend.“

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Regine Dura

Schlachtfeld Erinnerung 1914/2014 HAU 3, Mi 11.6., Fr 13.6., Sa 14.6., So 15.6., Mi 18.6., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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