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Schlöndorff inszeniert Tolstoi im Schloss Neuhardenberg

Volker_Schloendorfftip Herr Schlöndorff, Sie inszenieren in Neuhardenberg, irgendwo in den Weiten Brandenburgs, ein so gut wie nie gespieltes Theaterstück von Leo Tolstoi, „Und das Licht scheint in der Finsternis“. Weshalb tut sich ein berühmter Filmregisseur und Oscar-Preisträger das an? Sie müssen doch eigentlich niemandem mehr irgendwas beweisen.
Volker Schlöndorff (lacht): Ich arbeite doch nicht, um etwas zu beweisen. Aber Sie haben völlig recht: Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, nur noch das Kerngeschäft zu machen, also Filme, und kein Theater mehr und keine Oper. Ich habe in New York Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ im Theater inszeniert, aber wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich im Theater als Zuschauer am wohls­ten. Als Regisseur fühle ich mich im Theater eigentlich eher fremd.

tip Macht es Ihnen gerade Spaß, als Gastarbeiter in einem fremden Metier etwas zu machen, das nicht zur eigentlichen Profession gehört?
Schlöndorff Bei dem Projekt jetzt konnte ich dem Text von Tolstoi nicht widerstehen. Natürlich habe ich immer gleich den Hintergedanken: Mensch, das wäre eigentlich ein toller Film.

tip Etwas Tratsch: Jemand hat mir erzählt, dass Sie sich während der Dreharbeiten zu „Strajk – Die Heldin von Danzig“ in Polen immer darauf gefreut hätten, im Hotelzimmer weiter in „Krieg und Frieden“ von Tolstoi zu lesen. Stimmt das?
Schlöndorff Ja, das ist wahr (lacht). Bei so großen Dreharbeiten nehme ich mir meistens ein dickes Buch mit. Das gibt mir eine Kontinuität. Man vergisst beim Lesen das Projekt, an dem man gerade arbeitet, und vertieft sich zum stillen Vergnügen für eine Stunde in einen Roman. Für mich ist das die Batterieaufladung. Cйlines „Reise ans Ende der Nacht“ hat mich, glaube ich, bei den Dreharbeiten zur „Blechtrommel“ begleitet.

tip Ist Tolstoi für Sie ein wichtiger Autor?
Schlöndorff Habe ich spät ent­deckt. Ich habe igentlich immer lieber Dostojewski gelesen. Episch-historische Romane wie „Krieg und Frieden“ sind eigentlich nicht so mein Ding. Aber dann habe ich für mich entdeckt, dass Tolstoi nicht nur ein toller Chronist ist, sondern eigentlich auch ein Metaphysiker.

tip Das Interessante an Tolstoi ist, dass er als Person ein Ideologe, ein etwas überdrehter christlich-anarchistischer Gottsucher ist, aber wenn er schreibt, ist er völlig unideologisch und klar. Um Heiner Müller zu zitieren: „Das Werk ist klüger als der Autor.“
Schlöndorff Das stimmt. Wenn Tols­toi Prosa schreibt, ist er ein so genauer Beobachter, dass er praktisch gegen sich und seine Meinungen schreibt. Das ist auch so in diesem Theaterstück, das wir machen. Das ist ja wie eine autobiografische Rechtfertigung für etwas, was er schon immer machen wollte und dann, 20 Jahre nachdem er dieses Stück geschrieben hat, tatsächlich getan hat …

tip … nämlich komplett auszusteigen aus der Zivilisation und aus allen privaten und gesellschaftlichen Bindungen, um als moderner oder antimoderner Eremit alleine in der Wildnis zu leben.
Schlöndorff In dem Stück sind eigentlich alle, die da gegen diese Alter-Ego-Figur intrigieren, die Familie, die Ehefrau, die Kinder, die Verwandten, viel positiver gezeichnet als er. Und sein Alter Ego im Stück schildert er fast als ein Ekel. Er ist eben ein so großartiger Schriftsteller, dass er seine Wahrnehmung nicht verraten kann, wenn er schreibt. Das ist spannend beim Inszenieren: Man muss den Menschen Tolstoi fast gegen den gnadenlosen Autor Tolstoi verteidigen, sonst würde das ganze ein „Tartuffe“, eine Groteske. Die Hauptperson ist so moralinsauer, dass man ihn fast nur als einen Tartuffe, einen religiösen Heuchler, sehen kann. Aber gegen diese Gro­teske muss man ihn ernst nehmen. Was eine Selbstrechtfertigung sein sollte, ist Tols­toi fast zur Selbstanklage geworden. Das ist etwas Ähnliches wie die „Bekenntnisse“ von Rousseau – eine Selbstabrechnung.

tip Und was machen Sie als Regisseur mit so einem merkwürdigen Text?
Schlöndorff Spannend ist die Frage, wie empfinden wir heute so einen Menschen? Ich weiß immer noch nicht, ob die Inszenierung dieses Stückes ganz ernsthaft wird, oder ob das gespickt ist mit Lachen. Als wir das mit den Schauspielern zum ersten Mal gelesen haben, bei mir zu Hause am Tisch, gab es nach jedem der großen Sätze der Tolstoi-Figur schallendes Gelächter. Und erst im weiteren Verlauf hat sich dann den Lachern die Kehle zugeschnürt, weil sie das Gefühl hatten, der hat ja eigentlich recht. Jedenfalls ist das Problem, ob das jetzt ein komisches oder doch ein ernstes Stück ist, bis heute ungelöst. Die Frage ist eigentlich: Wie soll man richtig leben?

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Harry Schnitger

Und das Licht scheint in der Finsternis
Schlosspark Schloss Neuhardenberg Adresse + Googlemap)
Termine: Fr 14.8. bis So 23.8.
Eintritt 22/16 Ђ, Karten unter: 03 34 76-60 07 50,

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