Theater

Schlöndorffs „Carmen“ im Strandbad Wannsee

Volker_SchloendorffHerr Schlöndorff, was war Ihr erster Gedanke, als Sie gefragt wurden, ob Sie Bizets Oper „Carmen“ am Wannsee inszenieren möchten?
Oh Schreck! Ausgerechnet „Carmen“! Aber dann folgte das Stichwort Wannsee, und diese Kombination fand ich interessant. Auf einer Opernbühner wüsste ich nicht, wie man „Carmen“ inszenieren soll: diese Ohrwürmer und das Torerolied. Aber in der freien Natur, als Zirkuselement, ein bisschen Lunapark-mäßig, das konnte ich mir vorstellen.

Wie erzählen Sie die Geschichte?
Ich habe Peter Brook 1983 beobachtet, als er „Carmen“ als Kammerspiel in Paris inszenierte. Er lenkte die ganze Aufmerksamkeit auf die Figur Carmen, die ja eine tragische ist. Die vielleicht selbst an ihre Lieder glaubt, aber daran zugrunde geht, an dieser Vorstellung von der absoluten Liebe. Das fand ich sehr stark: die Tragödie der Carmen. Und ich hoffe, dass diese Tragödie auch bei uns rauskommt. Ich begreife Carmen als Außenseiterin, nicht nur in ihrem Anspruch an die absolute Liebe, sondern auch gesellschaftlich. Sie ist ja im besten Sinne eine Migrantin, eine nicht ganz integrierte (lacht).

Sie zeigen „Carmen“ am Wannsee, vor dem Sonnenuntergang: Idylle pur. Wie geht das mit der Tragödie zusammen?
Beim Kitsch des Sonnenuntergangs ist das erst mal schwierig, aber die Tragödie entwickelt sich ja. Auch der Auftritt des Toreros ist ja unvermeidbar. Unsere Aufführung ist spektakulär einerseits, tragisch andererseits. Statt Tanznummern eines Staats- oder Flamencoballetts haben wir 20 junge Akrobaten der wunderbaren Artistikschule in Berlin – die einzige staatliche Artistikschule in Deutschland, ein gutes Erbe aus der DDR. Die machen so ziemlich alles auf der Bühne, von den Umbauten bis zur Akrobatik-Show.  Dass das Bühnenbild so spektakulär aussehen würde, konnte ich mir nicht vorstellen, als ich die Idee dazu hatte. Der schwarze, zwölf Meter hohe Fächer, das ist die Zigarrenfabrik, die Stierkampfarena, aber auch – mit ein bisschen Fantasie – Carmens Unterröcke, und natürlich eine Todesdrohung.

Was wäre das größte Kompliment, das man Ihrer Inszenierung machen kann?
Wenn das Publikum auf dem Heimweg das Gefühl mitnimmt, es war ein toller Abend. Dieses Publikum, mit Liebe zur Oper, wahrscheinlich ähnlich dem Waldbühnen-Publikum, wo ich auch selbst gerne hingehe, hat Erwartungen. Die muss man erfüllen. Auf der anderen Seite will ich das Publikum überraschen.    

Interview: Anja Quickert
Foto: DAVIDS/ Dominique Ecken

Carmen (Termine)
in der Seebühne Wannsee,
Vorstellungen: 16.8.–2.9.,
Tickets: 01805–969 00 05 55 oder
www.seefestspiele-berlin.de

 

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