Theater

Schmeiß Dein Ego weg!

Analog zur in der elektronischen Musik bewährten Maßeinheit bpm (beats per minute) sollte man im Theater vielleicht über die gpm nachdenken, die Gedanken pro Minute. An einigen Bühnen dürfte der Ausschlag bedauerlicherweise im nicht messbaren Bereich nahe null liegen (wir vermuten mal, dass am Berliner Ensemble die Messversuche schwierig werden könnten). Andere Künstler überfordern ihr Publikum mit so vielen überraschenden Gedanken pro Minute, dass einem schon nach einem kurzen Theaterabend der Kopf aufs Schönste schwirrt. Beim Zusehen und Zuhören denkt man in ihren Aufführungen dauernd, dass man über diesen Halbsatz da eben gerne länger nachdenken würde, aber dann kommt schon der nächste Satz und der nächste erstaunliche Gedanke, das nächste seltsame Paradox um die Ecke geschossen.

Renй Pollesch, der erfreulichste dieser Autoren-Regisseure mit hochbeschleunigtem Gedankenoutput, ist so großzügig, seine Stücke für die langsameren unter uns gelegentlich als Bücher erscheinen zu lassen, gerade kam die neue Lieferung mit einem Teil seiner Textproduktion der letzten Jahre. Schon die Stücktitel sind ein guter Grund, das Buch sofort lesen zu wollen: „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen“. Aha, interessant. Oder natürlich die Parolen-Titel („Schmeiß Dein Ego weg!“, „Kill your Darlings!“) – endlich mal klare Ansagen und hilfreiche Gebrauchsanweisungen fürs eigene Leben. Eine als Intro zugefügte Pollesch-Laudatio von Diedrich Diederichsen hakt sich in Polleschs Gedanken ein und denkt sie weiter, natürlich ohne den Impetus, irgend­etwas auf griffige Formeln zu bringen.

Es empfiehlt sich, das als Texte, als auf verschiedene Sprecher verteilte Denkbewegungen zu lesen, nicht unbedingt als Erinnerung an Pollesch-Theater­abende, obwohl es natürlich Spaß macht, wenn einem die Tonfälle von Lilith Stangenberg oder Martin Wuttke, von Birgit Minichmayr oder Fabian Hinrichs beim Lesen noch im Ohr klingen. Man kann auch einfach irgendeine Seite aufschlagen und sofort ist sie wieder da, die gute Renй-Pollesch-Laune, wenn man über Sätze wie diesen stolpert: „Es gibt Trillionen von unterschiedlichen Wesen, die nichts vereint, außer dem Entschluss, eine Konversation zu starten.“ Mmh. Stimmt.

Renй Pollesch: Kill Your Darlings. Stücke, Rowohlt Verlag, 380 Seiten, 14,99 Ђ

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