Theater

„Schnee“ im Ballhaus Naunynstraße

Schnee„Schnee“ heißt der siebte, 2005 veröffentlichte Roman des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk, in dem er den einsamen und erfolglosen türkischen Journalisten Ka aus dem Frankfurter Exil für eine Reportage in die ostanatolische Stadt Kars reisen lässt. Dort trifft Ka seine Jugendliebe wieder. Eine Selbstmordwelle junger Kopftuchmädchen sucht die Stadt heim. Es geht um Putsch und Verrat, Verzweiflung und Glückssehnsucht, um politische Verwicklungen, Islamismus und Säkularisierung. Jetzt hat der Berliner Autor und Regisseur Hakan Savas Mican den Roman für das Theater adaptiert und dem Setting eine überraschende Wendung gegeben, indem er Pamuks Stadt Kats von der tiefen türkischen Provinz nach Deutschland verlegt hat.

„Es ist ein Zukunftsszenario“, sagt Mican. „Die schleichende Islamisierung hat bereits stattgefunden. Ein großer Teil der deutschen Gesellschaft ist aus Verarmung und Verelendung zum Islam übergetreten und jetzt gehen wir in diese Stadt hinein und schauen, wie die Menschen miteinander umgehen.“ Die politischen Verhältnisse, die Pamuk in seinem Roman beschreibt, gibt es spätestens seit dem Referendum in der Türkei vor sechs Wochen und der Entmachtung des Militärs wie der Kemalisten so nicht mehr. Parallel zum Referendum tobte in Deutschland, angestoßen von Thilo Sarrazin, eine neue Islamdebatte. „Damit musste ich mich auseinandersetzen“, sagt ­Mican, der in Deutschland geboren und bei seiner Großmutter in der in der Türkei aufgewachsen ist. „Aber diese Diskussion ob fremd oder nicht fremd, oder was migrantisch ist, das interessiert mich nicht bei diesem Stoff.“ Also hat er alle Figuren zu Deutschen gemacht und die historischen politischen Verwicklungen weitgehend eingedampft.

Schnee_2„Schnee“ ist Hakan Savas Micans viertes Theaterstück in nur zwei Jahren. Vor wenigen Wochen erst hatte sein Stück „Warten auf Adam Spielmann“ in der Regie von Michael Ronen Premiere am Ballhaus Naunynstrasse . Die beiden viel gelobten Arbeiten davor, „Der Besuch“ und „Die Schwäne vom Schlachthof“, hat er selbst inszeniert. Ein Workaholic also, der gleichzeitig an der Filmakademie studiert hat und derzeit seinen ersten Spielfilm vorbereitet.

Text: Michaela Schlagenwerth
Foto: Ute Langkafel

Schnee Ballhaus Naunynstraße, 25., 26., 28., 29.11., , 1.-5.12., jeweils 20 Uhr, Karten: 75 45 37 25

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