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Bühnenkritik

Schocker gegen Landlust?

Das Ironie-erprobte Duo Tom ­Kühnel und Jürgen Kuttner ­reanimiert Heiner Müllers Komödie „Die ­Umsiedlerin“. In der DDR 1961 war sie ein Skandal, doch schockt sie heute noch?

Jürgen Kuttner, Markwart Müller–Elmau, Felix Goeser, Marcel Kohler, -Almut Zilcher, Jörg Pose (vorne) Foto: Arno Declair

Eine Komödie über die Wirren der Landreformin der Sowjetischen Besatzungszone der Jahre 1946 bis 1949 und der DDR der Jahre bis 1960 am Deutschen Theater im Jahre 2019 aufzuführen, ist eine schrullige Spielplanentscheidung. Die Parole „Junkerland in Bauernhand“ mag ihre Richtigkeit haben, auch die gut gelaunte Kommunismus-Definition der Dorfjugend („Mein Traum vom Kommunismus ist: lang schlafen“) könnte in der Berliner Bohème anschlussfähig sein. Aber dass der verhandelte historische Stoff von rasender Aktualität wäre, würden vermutlich nicht einmal die DT-Dramaturgen behaupten. Auch als Realismusschocker, der dem Landlust-Kitsch gelangweilter Bionade-Großstädter Bilder aus dem nicht ganz so idyllischen Landleben entgegensetzt, taugt die Aufführung nur bedingt. 

Das Ironie-erprobte Regie-Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner reanimiert mit Heiner Müllers 1961 auf einer DDR-Studentenbühne uraufgeführten Komödie „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ einen aus heutiger Sicht vor allem theatergeschichtlich faszinierenden Text. Es ist nicht nur der Sonderfall einer Komödie des Tragikers Müller, es ist vor allem das Stück, das ihn in der DDR für über ein Jahrzehnt zur Persona non grata des offiziellen Kultur- und Theaterbetrieb machte. Unmittelbar nach der Premiere wurde die Aufführung verboten, der junge Regisseur B.K. Tragelehn verlor seinen Job am Theater und musste „zur Bewährung in der Produktion“ in den Kohlebergbau. Müller durfte die Demütigungsrituale der Kulturfunktionäre über sich ergehen lassen und flog aus dem Schriftstellerverband. Von da war an er in dem Land, an das er glaubte, ein Underground-Autor. 

Das wirklich Irre an dieser Konstellation ist, dass Müller und Tragelehn, beides überzeugte Sozialisten, mit der Komödie für ihren Staat nur das Beste wollten: Beim Aufbau des Sozialismus muss man die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis doch benennen und kann sich auch noch darüber lustig machen! In aller Unschuld überschätzten sie die Intelligenz, Dialogfähigkeit und Souveränität der Funktionäre. Vielleicht ist auch deshalb der ideologisch gefestigte Landrat, ein besonders weiser Funktionär, in ihrer Komödie ein operettenhafter Deus ex machina. 

Kühnel und Kuttner machen daraus eine mal bemühte, mal übermütige Revue mit Schlagerbegleitung auf einer Fernsehshow-Bühne mit schwarz-weißem Op-Art-Design der 1970er-Jahre (Bühne: Jo Schramm). Zu den lustigeren Einfällen der sympathisch texttreuen Aufführung gehört, wie die arme und landlose Umsiedlerin zu einem hochschwangeren Damenchor in antiken Gewändern verfünffacht wird. Ansonsten schreckt die Regie, etwa bei den großzügig mit dicken Wampen gepolsterten Großbauern oder dem tapferen SED-Funktionär Flint (Jörg Pose) nicht vor entschlossenem Knallchargentum zurück. 

Die erfrischendste Figur, der trinkfreudige Anarchist und überzeugte Asoziale Fondrak (eine Naturgewalt: Frank Büttner) ist erfreulicherweise davor gefeit, ideologisch domestizierbar zu sein. Für einen Kontrapunkt an Härte und Bitterkeit sorgt Almut Zilcher mit dem in den Sozialismusschwank einmontierten Spättext Müllers, dem konzentriert vorgebrachten Nachwende-Gedicht „Mommsens Block“. Dessen Gegenwartsekel hat seitdem nichts an Sprengkraft verloren.

DT Kammerspiele Schumannstr. 13a, Mitte, Fr 19.4., Mo 6.5., 19.30 Uhr, 23– 30€

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