Theater

„Schöner Wohnen“ im Grips Theater

Schoener_Wohnen„Immer noch nicht kapiert, was Gentrifizierung bedeutet! Oder nicht kapieren wollen!“, ruft der grundsympathische Punk Paulchen allen Mietern zu – auf und vor der Bühne. Am Vorabend der großen Berliner „Mietenstopp“-Demo eröffnete das Grips-Theater seine Spielzeit mit „Schöner Wohnen“. Activare heißt hier der böse Immobilienhai, dem der joviale Althippie Harald sein Haus in Moabit verkauft. Aus selbstverständlich gutem Grund: Seine Hausgemeinschaft will schöner wohnen, dem heimlichen Eigentümer Harald aber fehlt es nach drei Scheidungen am nötigen Bargeld. Also gefährdet schöner wohnen gemeinsam kiffen, weil sich der neue Investor weniger für Instandsetzung als für Luxussanierung interessiert.

Auf engstem Wohnraum versammelt Regisseurin Franziska Steiof ihre „Stadt für alle“-Personage, die sich zwischen Baulärm und solide arrangierten Musical-Einlagen ebenso absehbar wie stereotypengerecht um Lebens- und Wohninteressen streitet: Paulchen Punk, der parterre ohne Mietvertrag, dafür aber mit viel Sternburger Pils wohnt, die pragmatische „Mein Arsch ist mein Kapital“-Scheinstudentin Charlotte, Yuppi Cyrus, ganz „Erfolgsgequatsche aus dem Boss-Anzug“ und ohne „Zeitfenster“ für Adile, der Alleinernährerin zweier Töchter. Fehlt neben Harald nur noch das junge Spießer-Ehepaar: „Maus“ Anja im grauen Kleid mit Ceranplatten-Wunsch und ihr grenzdebiler Eisern-Union-Fan Markus, der sich vor jedem häuslichen Eisprung ins Stadion rettet.

Nach 2 1/2 Stunden nimmt der Gentrifizierungs-Schwank eine überraschende Wendung. Der Umzug beweist: „Baustellen sind das Größte. Alles ist möglich.“ Adile hat mit Haralds Geld aus dem Hausverkauf einen Bestseller „für die überforderte Frau von heute“ geschrieben, Cyrus ist Geschäftsführer von Activare, das Spießerpärchen hat Zwillinge, Paulchen hat sich zu Paul emanzipiert und Charlotte schaut zwischen den Aufenthalten in L.A. auch mal im Kiez vorbei. Was war eigentlich das Problem?

Text: Anja Quickert

Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

tip-Bewertung: Zwiespältig

Schöner Wohnen Grips Theater Hansaplatz, 16.+ 17.9., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 39 74 74 77

Mehr über Cookies erfahren