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Schweizgenössisch-Festival im Radialsystem V

Jürg Kienberger

Jürg Kienberger wurde 1958 in Sils Maria geboren. Im familien­eigenen Hotel Waldhaus prägte ihn früh das Salonorchester. Von 1992 an gehörte er als musizierender Schauspieler für vier Jahre fest zum Ensemble der Volksbühne. Legendär: sein „Danke“-Song in Christoph Marthalers Inszenierung „Murx den Europäer“. Während Marthalers Zürcher Intendanz (2000–2005) war Kienberger dort regelmäßiger Gast. Seit den 90ern gestaltet er auch Solo-Abende („Heiße Rhythmen, heiße Kienberger, freut mich“). Jüngste Auszeichnung des Allround-Talents: der Schweizer Kleinkunstpreis 2014.

tip Herr Kienberger, wie lernten Sie, die Biene zu lieben?
Jürg Kienberger In der Garage unseres Hauses im Elsass leben wilde Bienen. Zwischen den alten, brüchigen Eternitplatten. Wir nehmen nicht ihren Honig, aber wir beobachten sie. Daraus entstand vor vier Jahren die Idee, ein Stück zu Ehren der Biene zu machen.

tip Für Ihr Solo-Programm „Ich Biene – ergo summ“, das jetzt beim Festival Schweizgenössisch gastiert, haben Sie sogar wissenschaftliche Beratung hinzugezogen.
Jürg Kienberger Es ist ein Abend über das Leben und Sterben der Bienen. Damit ich auf der Bühne nichts vorbluffe, habe ich mich mit Literatur eingedeckt. Und der Präsident der Bio-Imker in der Schweiz war unser Berater. Ab und zu haben wir ihm einen Text geschickt, und er hat gesagt, stimmt, alles wunderbar. Man lernt natürlich viel über die Bienen. Auch über ihre prekäre Situation seit einigen Jahren.

tip In der Schweiz sollen über 50 Prozent der 600 Bienenarten bedroht sein. In den USA grassiert gar ein Phänomen namens Bienen-Aids. Müssen wir uns Sorgen machen?
Jürg Kienberger Auf jeden Fall. Das ist alarmierend. Das Immunsystem der Biene ist sehr geschwächt durch die Pestizide, die in den Mais­feldern eingesetzt werden. Deswegen muss sie geimpft werden gegen die Varroamilbe, die sie früher problemlos abschütteln konnte.

tip Ihr Abend zeigt aber nicht nur die düsteren Seiten. Sie performen auch den Schwänzeltanz.
Jürg Kienberger Ich als Mann habe mich natürlich stark für das Dasein der Drohnen interessiert. Die können nicht mal selber essen, sondern werden gefüttert. Es ist schlimm. Sie sind nur da, um die Königin zu begatten. Dabei sterben sie noch in der Luft. Das Glied bleibt in der Königin stecken und die Drohne explodiert. Die wenigen, die das schaffen, erleben ein kurzes Glück. Alle anderen haben ihr vierwöchiges Leben lang vergebens trainiert für diesen Hochzeitsflug.

tip Ein Sinnbild auch für die menschliche Existenz?
Jürg Kienberger Das kann man so sagen. Ich wäre auch nicht sehr tauglich, wenn ich nicht in meine Familie eingebettet wäre. Da wäre ich zu sehr der Musikspieler, der sich nicht um die Ernährung kümmert. Ich koche schon gern, aber jeden Tag?

tip Wie übersetzt man den Hochzeitsflug und andere Bienen­themen in Musik?
Jürg Kienberger Den Flug bestreite ich darstellerisch. Es gibt vorher Musik und nachher Musik. Die Bee Gees kommen natürlich vor.

tip Auch Ihre berühmte Glasorgel?
Jürg Kienberger Ja. Dazu singe ich ein Lied von Hugo Wolf: „Was wollen wir nun singen, hier in der Einsamkeit,  wenn alle von uns gingen, die unser Lied erfreut.“

tip Sie treten auch als Ihre eigene Ein-Mann-Vorgruppe unter dem Namen Jay Kay Wäschpi auf.
Jürg Kienberger Das ist ein Berner Hardrocker, der eine Reise durch die Schweiz und ihre verschiedenen Dialekte unternimmt. Mit dem müssen die Berliner Besucher ein bisschen Geduld haben. Aber nur sechs­einhalb Minuten.

tip Ihr vorausgegangener Solo-Abend „Ich bin ja so allein“ kreiste autobiografisch um das Aufwachsen im berühmten Hotel Waldhaus in Sils Maria, das Ihrer Familie gehört. Wird auch Ihr Bienen-Programm persönlich?
Jürg Kienberger Der Abend hat schon insofern mit mir zu tun, als ein Bienenstich sehr schmerzlindernd sein kann bei Arthrose, Arthritis und Rheuma. Ich leide unter Polyarthrose und verspreche mir durch das Neben­einanderleben mit Bienen gewisse Linderung.

tip Sie lassen sich absichtlich stechen?
Jürg Kienberger Ich versuche es, aber das ist nicht so einfach. Wenn man sich langsam in der Nähe des Bienenstocks bewegt, stechen sie überhaupt nicht. Ich habe es dann ein bisschen forciert, indem ich eine in die Hand genommen und vors Knie gehalten habe.

tip Zusammen mit Ihrer Frau Claudia Carigiet haben Sie noch die musikalische Lesung „Gian/Gianna“ für Kinder im Repertoire. Worum geht es da?
Jürg Kienberger Die basiert auf einem Kinderbuch, das meine Frau geschrieben hat. Je nachdem, von welcher Seite man das Buch liest, ist der Junge Gian der Held oder das Mädchen Gianna. Die Geschichte spielt vor 100 Jahren und handelt von einem Berliner Kind, das wegen Asthma mit der Mutter ins Engadin kommt und kein Rätoromanisch versteht.

tip Gibt es genderspezifische Unterschiede zwischen den Varianten?
Jürg Kienberger Eher leise, kleine. Die Ziegenhirtin Gianna fängt auf eine andere Art Giftschlangen als der Ziegenhirt Gian. Damals gab es nämlich viele Vipern und Kreuzottern in Sils Maria. Auch ich als Kind bekam noch zwei Franken pro Giftschlange, die ich auf die Gemeindekanzlei brachte. Eine Dame, deren Hund von einer Viper gebissen worden war, hatte einen Fonds eingerichtet, um die Schlangen auszurotten.

tip Sind Sie als Schauspieler und Musiker noch mit Christoph Marthaler unterwegs?
Jürg Kienberger Im Moment habe ich zum ersten Mal seit 28 Jahren kein Marthaler-Stück im Repertoire. Leider musste ich auch eine Anfrage der Volksbühne absagen. Aber in ein oder zwei Jahren klappt es wieder mit Christoph.

tip Vorerst touren Sie mit der Biene weiter?
Jürg Kienberger Ja, und ein neues Stück ist unterwegs. Das heißt „Ich bin zum Glück zu zweit“ und handelt vom Burn-out. Ich gebe einen älter werdenden Musikspieler, der auf einem Psychologenkongress über das Scheitern referieren soll. Auf eine musikalische, clowneske Art, um das Ganze aufzulockern. Das wird auch wieder persönlich, weil ich hin und wieder knapp an so einem Erschöpfungszustand vorbeischramme.

Interview: Patrick Wildermann

Foto: Georg Anderhub

Jürg Kienberger: ?“Ich Biene – ergo summ“ im Radialsystem V, Sa 2.8.,19.30 Uhr

Claudia Carigiet & Jürg Kienberger: „Gian/Gianna“ im Radialsystem V, So 3.8., 17 Uhr

Wir verlosen 3 x 2 Freikarten für das Festival „Schweizgenössisch – die Schweiz in Berlin“ am So 3.8. im Radialsystem V

Weitere Informationen zum Schweizgenössisch-Festival im Radialsystem V

 

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