• Kultur
  • Theater
  • Sebastian Baumgarten inszeniert Mozarts „Requiem“

Theater

Sebastian Baumgarten inszeniert Mozarts „Requiem“

Sebastian Baumgarten__Foto: Jens Bergertip Um Mozarts „Requiem“ ranken sich viele Legenden. Es wird behauptet, er hätte es mit dem Gefühl seines eigenen, nahenden Todes geschrieben, eine Totenmesse, mit der er seine eigene Beerdigung komponierend vorwegnimmt. Angeblich waren die letzten Noten, die er in seinem Leben geschrieben hat, die des Fragment gebliebenen Requiems. Verstehen Sie das „Requiem“ als Versuch Mozarts, den eigenen Tod künstlerisch zu reflektieren oder ist das Projektionskitsch?
Sebastian Baumgarten Die Legenden sind ja inzwischen aufgeklärt, es war eine Auftragsarbeit, mehr nicht. Seine eigene Krankheit, sein Ausbrennen und Sterben muss man davon zunächst einmal trennen. Interessant ist der Gedanke, dass die künstlerische Beschäftigung mit dem Thema des Todes möglicherweise die Verstärkung dessen, was da mit einem selber geschieht, bedeuten kann. Dann hätte Mozart mit der Arbeit am „Requiem“ seinen eigenen Tod befördert. Aber umgekehrt kann die künstlerische Beschäftigung mit dem, was einem existenziell widerfährt, auch ein Heilprozess sein. Ein Künstler wie Christoph Schlingensief geht mit dem Thema der Krankheit, auch der eigenen Krankheit, um und arbeitet damit. Vielleicht ist Kunst letztlich immer Auseinandersetzung mit den Toten, vielleicht auch ein Versuch, sich gegen den Tod zu wehren. Als mich die Komische Oper fragte, ob ich das „Requiem“ inszenieren will, ging es für mich erst mal darum, dass es nicht für ein Opernhaus, sondern für eine Kirche geschrieben ist.

Requiem_Foto: Hanns Joostentip Sakrale Musik ist im profanen Rahmen deplatziert. Wie gehen Sie mit dem Paradox um, eine Totenmesse in einem Opernhaus zu inszenieren?
Baumgarten Diese Musik ist eigentlich für den Vollzug eines Rituals geschrieben und nicht für eine Kunstaufführung. Die kirchenmusikalische Form des Requiems hat bei Mozart seine radikalste Zuspitzung gefunden. Seit dem sechzehnten Jahrhundert schreibt die katholische Kirche eine Darstellung des Jüngsten Gerichts als Element eines Requiems vor. Die Schrecken werden dargestellt, die den Gläubigen drohen, wenn sie sich nicht an die Regeln der Kirche halten. Dafür findet Mozart eine grandiose Umsetzung. Andererseits wird Mozarts „Requiem“ schon lange im profanen Kunstkontext aufgeführt, in Konzertsälen und Opernhäusern. Die Frage ist, wie man den Kontext, für den es geschrieben ist, den Kontext eines religiösen Rituals, in einer Inszenierung erinnern, herstellen, assoziieren kann. Die Form darf keine geschlossene, opernhafte sein, sie muss irgendwas mit dem Zuschauerraum zu tun haben, das Publikum ist sozusagen die Gemeinde. Ich kann nicht den Zuschauerraum zur Kirche machen, aber ich kann Bezüglichkeiten herstellen, Assoziationsräume.

tip
Christoph Schlingensief würde vielleicht sagen: Natürlich kann man das Theater zur Kirche machen. Er hat es in Venedig mit seiner Church of Fear gemacht und zeigt jetzt bei der Ruhrtriennale eine „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, er baut einfach die Kirche seiner Kindheit als Kunstraum nach. Sie montieren Mozarts Musik mit halbdokumentarischen Texten. Zwei Autoren haben mit kranken Menschen in Sterbehospizen gesprochen, Menschen, die wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben. Die Aufzeichnungen dieser Gespräche waren das Rohmaterial für eine literarisierende Bearbeitung. Diese Texte sind in Ihrer Inszenierung das Sprachmaterial für vier Schauspieler, Kathrin Angerer, Irm Hermann, Herbert Fritsch und Hendrik Arnst. Hat dieses Verwenden des Dokumentarmaterials, die Monologe sterbender Menschen, nicht automatisch etwas sensationslüsternes, das zwangsläufig voyeuristische Effekte bedient?
Baumgarten Man muss aufpassen, dass man nicht im Spektakel landet. Zuerst wollte ich einen Theatertext von Armin Petras, aber dann kamen wir in den Gesprächen dazu, über andere Formen nachzudenken. Interessant ist, dass die Menschen in den Gesprächen nicht über den Tod, sondern über ihr Leben sprechen. Und in dem Moment, in dem das Tonband abgestellt ist, sprechen sie über die Schattenseiten in ihrem Leben. Ich möchte diesen Menschen und ihren Erfahrungen Raum geben in meiner Inszenierung. Das ist nicht einfach Spiel-Material, ich kann daraus keine dekonstruktive Veranstaltung machen, das wäre schlicht unmoralisch. Einige der Gesprächspartner sind inzwischen gestorben. Es wäre schön, wenn etwas von ihnen in der Aufführung anwesend wäre.

Lesen Sie mehr im Tip-Heft 20

Interview: Peter Laudenbach

Requiem
Komische Oper,
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

Mehr über Cookies erfahren