Theater

Sebastian Baumgarten über „Carmen“

sebastian_baumgarten_2511_c_Wolfgang_Silveritip: Ist es ein Traum oder ein Albtraum, Georges Bizets „Carmen“ zu inszenieren?

Sebastian Baumgarten:?Beides, denn einerseits ist sie mit ihrer Formensprache und ihrem Exotismus faszinierend, andererseits gibt es von ihr so viele Lesarten und Deutungen …

tip: Pardon, scheint nicht immer nur eine einzige Interpretation auf die Bühne zu kommen?

Baumgarten: Ach ja, und die wäre?

tip: Eine dunkelhaarige Femme fatale ruiniert alle Männer, die sie umschwirren wie Motten das Licht, und muss deshalb am Schluss sterben.

Baumgarten: Das ist schon häufig so, aber ich finde den sozialen Kontext viel wichtiger als eine rein psychologische Annäherung. „Carmen“ erzählt eine Liebesgeschichte, die aufgrund ihrer sozialen Rahmenbedingungen nicht halten kann. Denn es ist einfach nicht dasselbe, ob man mit oder ohne Geld eine Beziehung beginnt.

tip: Böse Zungen haben „Carmen“ eine musikalische Verwandtschaft zur Operette nachgesagt?– zu Recht?

Baumgarten: Solche Analogien, auch zur Revue, liegen durch die geschlossenen musikalischen Nummern nahe. Das finde ich spannend: Weil das Material brüchig und sprunghaft ist, fordert es in kurzen Abständen Gestus-, Haltungs- und Bewegungswechsel.

tip: Für Walter Felsenstein, den legendären Intendanten der Komischen Oper, war „Carmen“ ein Musterbeispiel seiner ästhetischen Theorie, dass die Figuren zu singen anfangen, wenn sie in emotionalen Ausnahmesituationen nicht mehr sprechen können. Ist diese Tradition für Sie von Belang?

Baumgarten: Uninteressant ist sie natürlich keineswegs. Aber für mich kommt der Stoff eher aus der Welt des Grand-Guignol-Puppentheaters mit seinen krassen Mord- und Schauerstücken. Da wird mit starken Überzeichnungen gearbeitet, aber bei allem thematischen Realismus nicht realistisch gespielt. Diese Oper ist ein Krimi: „Carmen oder Der Fall Lizarrabengoa“.

tip: Don Josй Lizarrabengoa ist Carmens Liebhaber, der alles für sie tut, den sie trotzdem bald verlässt und der sie am Schluss ersticht.

Baumgarten: Wie kommt jemand dazu, einen anderen umzubringen? Das wird hier mit Vorahnungen und Vorwarnungen auf das Genaueste geschildert. Den sozialen Hintergrund versuche ich, ohne wild herum zu aktualisieren, in Bilder zu setzen, mit denen wir heute etwas anfangen können. Ich möchte den Plot nicht ummodeln, sondern erzählen, wie er ist. Auf spektakuläre Regietheater-Deutungen bin ich nicht scharf. Entscheidend ist, sich nicht von dem abzulösen, was musikstrukturell vorgegeben ist und was der Gestus der Musik ist.

tip: Die Oper spielt in einem arabisch gefärbten Spanien. Georges Bizet war nie dort, oder?

Baumgarten: Nein, deshalb nenne ich ihn den Karl May unter den Opernkomponisten. Es gibt eindeutig einen französischen Blick auf dieses erfundene Spanien. Aber wie auch bei Lars von Trier: Wenn der sich Amerika vorstellt, sind solche imaginierten Skizzen in ihrer Überhöhung manchmal stimmiger als faktische Betrachtungen. Spanien ist bei Bizet die Übergangszone zum Fremden, durch welche die arabische Welt – mit ihrer Religion – nach Europa eindringt.

Interview: Irene Bazinger

Foto: Wolfgang Silveri

Carmen Komische Oper, Premiere: 27.11., 19 Uhr; 6., 12., 18., 26. u. 29.12., Karten-Tel. 47 99 74 00

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