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„Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Deutschen Theater

GeschichtenAusDemWienerWaldUntergang mit Wiener Walzer

Manchmal ist nichts so brutal wie der Zwang zu beschwingt guter Laune. Das führt Michael Thalheimer am Deutschen Theater gleich zu Beginn seiner ungemein dichten, konzentrierten, klaren, sozusagen mätzchenfreien Inszenierung von Ödön von Horvбths Kleinbürgerpandämonium „Geschichten aus dem Wiener Wald“ so beiläufig wie deutlich vor. Die Schauspieler haben in der Tiefe der leer geräumten Bühne Platz genommen, aber das Licht im Zuschauersaal geht nicht aus, im Gegenteil, es wird heller, während sehr laut in voller Länge der titelgebende, schmissig-sentimentale Walzer von Johann Strauss ertönt.
Diese überdeutlich betonte Walzer-Einspielung folgt einer Regieanweisung Horvбths, der seine Geschichte der Zerstörung eines Menschen immer wieder wie von einem höhnischen Kommentar von falscher Walzer-Glückseligkeit begleiten lässt: „In der Luft ist ein Klingen und Singen – als verklänge irgendwo immer wieder der Walzer ‚Geschichten aus dem Wiener Wald‘. Und in der Nähe fließt die schöne, blaue Donau“, schreibt Horvбth mit durchaus hinterhältger Gemütlichkeit. Genauso höhnisch setzt Thalheimer den Walzer ein: ein Signal der falschen, gnadenlos mit sich selbst einverstandenen Gemütlichkeit, die alles, was die Harmonie stören könnte, gnadenlos wegwischt.

Minimalistisch und ausdifferenziert

Der Minimalist Thalheimer reduziert auf weitgehend leerer Bühne das Spiel der vor dunklem Hintergrund oft rampenparallel ausgestellten Darsteller. Seine Inszenierung erzählt eine Tragödie, das aber so fein ausdifferenziert, dass eine schöne Leichtigkeit des Spiels und sogar Momente lakonischer Komik entstehen. Die Figuren aus Horvбths Volksstück, die Thalheimer hier mit gnadenloser Genauigkeit untersucht, sind beschädigte, gefühlsverhärtete, seelisch verkrüppelte Menschen der Zwischenkriegszeit. Dass er diese Beschädigungen nicht höhnisch und mit der Selbstgerechtigkeit des Nachgeborenen in die Spießerkarikatur treibt, sondern sachlich, in größtmöglicher Nüchternheit ausleuchtet, macht das unübersehbare Format dieser Inszenierung aus. Thalheimer, sonst gerne ein Regisseur der brachialen Bilder und expressiven Forciertheiten, entwickelt hier den leisen Schrecken aus der Brutalität des Faktischen: So sind die Menschen, scheint diese Inszenierung illusionslos zu konstatieren.

GeschichtenAusDemWienerWaldSensationsverdächtige Lakonie

Horvбth erzählt 1931 die Geschichte einer zerstörten Unschuld in einer Umgebung, in der unschuldige Gefühle nicht vorgesehen sind und zwischenmenschlicher Verkehr im Wesentlichen auf Berechnung, gemütlicher Mitleidlosigkeit und mit Sentimentalität kaschierter Brutalität beruht. Marianne (Katrin Wichmann) verliebt sich in den Strizzi Alfred (Andreas Döhler), der macht ihr ein Kind und lässt sie sitzen. Sie tanzt nackt im Kabarett, weil sie Geld braucht, sie landet kurz im Gefängnis, sie verliert ihr Kind, umgebracht von der Großmutter Alfreds. Und am Ende, als sie schon fast ganz zerstört ist, macht der Metzger Oskar (Peter Moltzen), der einst mit ihr verlobt war wie mir einem vom Brautvater erworbenen Besitz, seine Drohung wahr und heiratet sie: „Meiner Liebe entgehst du nicht.“ Wie Wichmann und Döhler, zwei unserer Lieblingsschauspieler im DT-Ensemble, diese Liebe und ihren Absturz spielen, ist eine kleine, gerade in ihrer Lakonie berührende Sensation.

Döhler gibt den Strizzi im billigen Anzug nicht als Schießbudenfigur, sondern als gleichmütigen Überlebenskünstler. Wichmann kitscht sich weder im Moment des Verliebens mit romantischen Zuckungen noch in den Demütigungen des Niedergangs mit Selbstmitleid ein, sondern regis­triert beides fast sachlich: So also ist das Leben. Selbst Moltzen, dessen Metzgermeister in seiner gemütlichen Komplettverrohung zur Karikierung geradezu einlädt, oder Almut Zilcher als Kleinbürgermondäne und Kioskbesitzerin Valerie mit hohem Männerverschleiß halten die Balance und machen es sich nicht in der gefälligen Denunziation ihrer Figur bequem. Um so erschreckender sind die Mitleidlosigkeit und Häme, etwa wenn Metzger Oskar und Strizzi Alfred mit rattenhafter Freude und männerbündischer Solidarität den Niedergang ihres Opfers Marianne goutieren.   

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Sehenswert

Geschichten aus dem Wiener Wald: Termine
Deutsches Theater

Karten-Tel. 28 44 12 21

 

Interview mit Michael Thalheimer über „Geschichten aus dem Wienerwald“

 

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