Kommentar

„Selfie-Theater“ von Peter Laudenbach

Das Jahr hat gerade erst angefangen, da stört schon die erste heftige Theater-Theorie-Debatte den Winterschlaf

Peter Laudenbach

Eva Behrendt, Redakteurin bei „Theater heute“, denkt in ihrer neuen Theaterkolumne im „Merkur“ („Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“) über Grenzen und Möglichkeiten der Darbietung echten Gefühls auf der Bühne nach, also über vermeintlich Authentisches versus vermeintlich unauthentisch Gespieltes.
Ihre begrifflichen Raster entlehnt sie beim Kultursoziologen Wolfgang Engler, eine gute Wahl, aber leider kommen ihre Überlegungen nicht über die Frage hinaus, ob gefühlte oder gefakte Tränen auf der Bühne besser seien. Eva, Tränen lügen doch!
Wesentlich härter und aggressiver argumentiert Bernd Stegemann, Dramaturg und Professor an der Ernst Busch Schauspielschule, in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“. Stegemann zerlegt die Ideologie der performativen Authentizität ohne Angst davor, von Freie-Szene-Selbstdarstellern oder verwirrten Theaterwissenschaftlern in die reaktionäre Ecke gestellt zu werden. Stattdessen schließt er die bei Performance-Freunden gefeierte Unfähigkeit zum mimetischen Spiel mit der Selbstbezüglichkeit einer entpolitisierten Mittelschicht kurz, dass es kracht. Rumms!
Das Selfie-Theater ist die ästhetische Selbstrepräsentation, mit der egozentrische Mittelschichtssubjekte sich selbst samt ihrem reaktionären Narzissmus feiern. Dagegen hilft nur: Klassenbewusstsein und Geschichte.

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