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„Service/No Service“ an der Volksbühne

Erstaunlich, worüber man in knapp 90 Theaterminuten alles nachdenken kann. Zum Beispiel darüber, ob es einen überhaupt gibt – schließlich war keiner von uns bei seiner Geburt bewusst dabei, jedenfalls kann sich keiner daran erinnern. Mit dem eigenen Sterben ist es ähnlich: wer weiß schon, wann und wie er sterben wird, und davon berichten, wie das ist, kann niemand. Wenn Anfang und Ende so neblig sind, woher wollen wir dann wissen, ob die kurze Zeit dazwischen so real ist, wie wir annehmen? Oder sind umgekehrt der unklare Anfang, das unklare Ende ein Indiz dafür, dass das Konzept Unsterblichkeit eigentlich ziemlich nahe liegend und es etwas vermessen ist, den Tod für einen Endpunkt zu halten? Schließlich gibt es Tote, die einem wesentlich näher sind und lebendiger vorkommen als zum Beispiel noch unter den Lebenden weilende Kulturstaatsekretäre.
Außer um solche Kleinigkeiten wie die Unsterblichkeit geht es in Renй Polleschs neuer Volksbühnen-Inszenierung „Service / No Service“ zum Beispiel um die Menschheitsgeschichte, um den Beginn und das Ende des Theaters in Form des Thespiskarrens, der hier von beiden Seiten, von links und von rechts, aus der Vergangenheit und der Zukunft, angerollt kommt, um die Frage, ob man auf Asphalt besser spielt als auf Theaterbühnen, und natürlich um Service, beziehungsweise: No Service, was zwar weniger kundenfreundlich, aber zumindest als Theaterkonzept entschieden sympathischer ist. Kathrin Angerer, die wieder mal unglaublich hinreißend und bezaubernd und in ihrem unverwechselbar-sein radikal ist, führt das vor, wenn sie eine Schauspielerin spielt, die auf der Bühne mitten in einem „Elektra“-Monolog auf einmal aufhört zu sprechen, und hinterher überhaupt nicht verstehen kann, wo dabei das Problem sein soll: „Ich bin halt nicht immer in Geberlaune.“ Womit mal schnell klar gestellt ist, dass das Theater ein Geschenk sein sollte, uns keine auf Knopfdruck abgespulte Dienstleistung.
Die mehr oder weniger ironische Selbstinfragestellung ist natürlich immer Teil des Spiels: „Das Rumgehopse hier ist ja nur das Vermeiden einer Berufswahl. Es wird Zeit, sich was Neues einfallen zu lassen“, sagt Angerer ziemlich kokett, weil sie natürlich genau weiß, wie gerne wir alle ihrem Rumgehopse zusehen. Und auch das darüber Nachdenken, was als nächstes kommt, macht man lieber selbst, als einfach weg geschoben zu werden. Der Chor ist dafür zuständig, die service-orientierte Gegenposition zur künstlerischen Eigensteuerung zu formulieren: „Dieses Haus könnte sich auch mal gentrifizeren, zum Beispiel mut Cocktailpausen nach jedem Akt.“
Angerer trägt wie das sie begleitende Jung-Männer-Trio Frank Beil, Maximilian Brauer und Daniel Zillmann hautenge, knallbunte Motorradanzüge, und auch der 17köpfige Chor sieht in den weißen Hosen und den weinroten Sweaters mit der Bert Neumann-Parole „Don’t look back“ sehr adrett aus. Wie überhaupt der ganze Abend bei aller Härte der eher durch- und angespielten als verhandelten Themen mit seiner melancholische Leichtigkeit bezaubert. Natürlich ist es ein Abschiedsabend für Bert Neumann (und das angekündigte Ende der Volksbühne), aber einer, dem Larmoyanz fern ist: Es gehört zur Selbstachtung, alles im Spiel und in den für Pollesch typischen, abzeigungsreichen Gedankenbewegungen zu halten. Und, wie es einmal heißt, den „Feind“ nicht mal zu bekämpfen, geschweige denn ernst zu nehmen.   

Text: Peter Laudenbach

Foto: LSD / Lenore Blievernicht

Volksbühne Mi 23.12., 19.30 Uhr, Karten-Tel.: 24 06 57 77

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