Theater

„Shadowland“ in der Komischen Oper

shadowland_foto_john_kaneWas soll man von einer Künstlergruppe halten, die mit einem Werbespot für einen koreanischen Automobilkonzern berühmt wird? Nicht allzu viel, normalerweise. Bei der amerikanischen Gruppe Pilobolus ist das anders. Es gibt sie schon seit vierzig Jahren, sie hat sich mit ihrem clownesk-zirzensischen Tanztheater einen Namen gemacht, bevor eine Werbeagentur bei ihnen angerufen hat. Aber der Spot für Hyundai, mit dem sich die Gruppe international in die erste Showliga katapultierte, verschlägt einem den Atem. Innerhalb von Sekunden rollen sich da ein paar Körper ineinander und bilden: den Schattenriss eines Autos. Es ist der einfachste und älteste Theatertrick der Welt: Licht und Schatten, mehr nicht. Damit und mit dem eigenen Körper kann man alles herstellen. Bilder, die fantastische Geschichten erzählen. Die innerhalb von Sekunden neue Welten entstehen lassen. Fische, Feuer, Autos. Die ganze Menschheitsgeschichte vom Affen über den Neandertaler bis zu Hightech, das alles hergestellt in rasender Geschwindigkeit, nur durch ein paar Bewegungen.

„Shadowland“ heißt das Stück, mit dem Pilobolus jetzt in der Komischen Oper gastiert. Es ist die erste abendfüllende Show der US-Company. Ein junges Mädchen tritt in ihren Schatten und damit in eine Traumwelt ein, in der sie sich in ein Hündchen verwandelt und merkwürdigen, fantastischen Gestalten begegnet. Das Ganze ist, natürlich, eine Reise zu sich selbst. Berührend der Anfang, wenn das Mädchen von einer riesigen, sich auf sie niedersinkenden Hand zurechtgestupst, verschluckt, ummodelliert wird. Einmal ist der Kopf weg und dann sitzt da statt eines Menschen auf einmal ein kleines Hündchen, das brav Pfötchen gibt, sich streicheln lässt und sich ergeben auf den Rücken legt. Die Tänzerin Molly Gawler zieht ihren Körper zusammen, ein abgewinkelter Ellbogen vor dem Gesicht verwandelt sich in die Hundeschnauze, ein abgespreizter Fuß in den wedelnden Schwanz, eine Hand in die Ohren. Unglaublich, wie Gawler diesem Schattenhündchen einen Charakter gibt, es sich sehnsüchtig nach Zuneigung den Kopf recken, es verspielt und verängstigt sein lässt. Am Ende der ersten Szene gibt die große Hand mit ein paar Stupsern dem Mädchen seinen Körper wieder, nur der Hundekopf, der bleibt. So wird es auf die Reise geschickt und ein Abenteuer mit Monstern und Zentauren, kannibalischen Köchen und einem süßen kleinen Elefanten beginnt.  
shadowland_foto_john_kaneDer Plot ist schlicht, die Umsetzung aber fantastisch. Mit der Frage, wie man mit Körpern Dinge nachstellen kann, beschäftigt sich die Gruppe seit Jahrzehnten. Bei Pilobolus könne man zuschauen, wie sich Akro­batik zu Poesie verflüssige, schreibt die New York Times. Menschen verwandeln sich in Tiere, in Gemüse, in Flora und Fauna und am Ende hat man den Eindruck, es mit Amöben zu tun zu haben und mit Pusteblumen. Nur, wundert sich der Kritiker der New York Times, eigentlich dachte man, dass die clowneske und auch etwas putzige Hippie-Poesie der Truppe spätestens Mitte der 80er-Jahre ihr Verfallsdatum überschritten habe. Stattdessen hat sich Pilobolus immer wieder neu erfunden. Seit dem Hyundai-Spot ist Pilobolus in der Unterhaltungsindustrie angekommen. Ihm folgte die Einladung, bei der Oscarverleihung 2007 eine Showeinlage zu übernehmen. Natürlich hat Pilobolus zugesagt und einen furiosen Auftritt hingelegt. In ihren typischen Purzelbäumen kugeln die Körper hinter einer Leinwand zu einem Klumpen zusammen und formen sich in Sekundenschnelle zum High-Heel-Schuh des Werbeplakats von „Der Teufel trägt Prada“, bei dem sich anstelle eines schwindelerregend hohen Absatzes ein teuflischer Dreispitz in den Boden bohrt. Im nächsten Moment watscheln die Körperschatten als süße Baby-Pinguine aus dem Zeichentrickfilm „Happy Feet“ daher, und gleich darauf sind sie ein VW-Bulli mit Familienbesatzung, eindeutig „Little Miss Sunshine“. Gerade als sich 3D-Filme mit ihren Special Effects durchsetzen, verzaubert eine Gruppe mit den einfachsten Theatertricks das Publikum. 

„Früher haben wir nicht gewusst, ob wir lieber eine Rockband oder eine Tanzgruppe werden wollen“, sagt Robby Barnett, der künstlerische Direktor und einer der Gründungsmitglieder. In einem Interviewclip sieht man ihn mit gehäkelter Mütze in einem alten Peddigrohrsessel sitzen, umgeben von hohen, wunderbar unaufgeräumten Bücherstapeln – ein Späthippie wie aus dem Bilderbuch. Seit der Gründung im Jahr 1971 arbeitet Pilobolus als Kollektiv und dass sie heute immer noch eines sind, ist ihnen wichtig. Ebenso lange schon residiert die Gruppe zwei Autostunden von New York entfernt, im Dorf Washington Depot, Connecticut. Für ihre Proben mieten sie den Gemeindesaal des Pfarrhauses. Von der Hippie-Kommune zu den gehobenen Etagen der Kulturindustrie – auch eine sehr amerikanische Kunst-trifft-Kommerz-Erfolgsgeschichte. Drei Jahre hat die Truppe sich für die Entwicklung von „Shadowland“ Zeit gelassen. Das Buch schrieb der „SpongeBob“-Autor Steven Banks, der Soundtrack ist vom Hollywood-Filmmusik-Komponisten David Poe. „Shadowland“ ist eine Kreuzung aus Hippie-Poesie und global vermarktetem Entertainment. Damit erobert Pilobolus gerade Deutschland. Im Frühjahr sind sie als erste Werbemaßnahme bei Thomas Gottschalk aufgetreten. Mit so durchschlagendem Erfolg, dass sämtliche Vorstellungen in Düsseldorf, der ersten Tourneestation, noch vor Beginn der Shows ausverkauft waren. Jetzt folgt Berlin, dann Hamburg, Bremen, Wien, Stuttgart, München, Graz und Hannover. Und dann der Rest der Welt. Zwischendurch basteln sie in Washington Depot schon am nächsten Streich. Gemeinsam mit Maurice Sendak, dem Erfinder von „Wo die wilden Kerle wohnen“. Aber jetzt kommt erst einmal „Shadowland“. 75 Minuten Zaubertheater, das auch deswegen so gut funktioniert, weil nicht nur unentwegt Illusionen produziert werden, sondern zwischendurch auch immer mal wieder gezeigt wird, wie man sie macht. Auch das: ein uralter Theatertrick. Die Leinwand wird einfach umgedreht und man sieht Tänzer mit Scheinwerfern laufen und andere, die sich hintereinander postieren, die Arme zu Blumenranken wachsen lassen und die Hände zu Blüten, die zuschnappen können.

Text: Michaela Schlagenwerth

Shadowland Komische Oper, Mi 20.–Sa 23.7, Di 26.7., Sa 30.7., 20 Uhr; Sa 23. u. 30.7., auch 15 Uhr; So 24.
u. 31.7., 14 Uhr, Karten-Tel. 01805-57 00 99

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