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Meike Droste in „Shakespeare. Spiele für Mörder“

Meike_DrosteMeike Droste wird der Hoffnungsschimmer im Gemetzel sein. Sie probt gerade am Deutschen Theater „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige“, ein Mix aus Tragödien-Material der blutigen Sorte in der Regie von Dimiter Gotscheff. Der rote Faden? Es gehe um eine pervertierte Gesellschaft, die kein Mitleid mehr kennt, nur noch Machtmissbrauch und Meuchelei, erzählt Droste. Den Regisseur interessiere „die Welt als Schlachthaus“. Was bei Gotscheff nicht überrascht. Ebenso wenig, dass die meisten Shakespeare-Fragmente in der Übersetzung von Gotscheffs Lieblingsautor Heiner Müller erklingen. Droste fallen unter anderem ein Sonett und eine Passage der Schäferin Phöbe aus „Wie es euch gefällt“ zu. Sie wird Opfer sein, aber ein widerständiges, kein dankbares, das ruft: „Schlag mich, bring mich um!“ Würde auch nicht zu ihr passen.

Meike Droste, Jahrgang 1980 und seit 2006 Ensemblemitglied am DT, ist eine Kraftspielerin, die sich ohne Wirkungshuberei und Gefallsucht ins Gedächtnis brennt. Direkt nach der Schauspielschule ließ sie sich ans Berliner Ensemble engagieren, wo sie unter anderem die Titelrolle in Claus Peymanns Börsengang mit Brecht „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ spielte. Eine leuchtende Moralistin gab sie da, die erhobenen Hauptes an den eigenen Maßstäben zerbricht. Später, am DT, wurde sie eine der Protagonistinnen in den Arbeiten von Jürgen Gosch. Ihre Sonja in „Onkel Wanja“ und die Mascha in der „Möwe“, Regie: Gosch, sind Frauen, die aus dem Unglück ihrer Schattenexistenz Stolz und Überlebenstrotz schöpfen. Und selbst in einer Fernsehserie wie der ARD-Krimikomödie „Mord mit Aussicht“, in der Droste an der Seite von Caroline Peters und Bjarne Mädel eine Provinzpolizistin spielt („Nee, nä?“), ist ihr Talent für hintersinnige Präzision unverkennbar.

Mit Dimiter Gotscheff arbeitet Droste zum ersten Mal zusammen. Sie habe sich diese Begegnung schon lange gewünscht, sagt sie. „Weil ich mich gerne herausfordere. Und vielleicht auch scheitern möchte“. Womit sie meint: an Grenzen zu stoßen, den Knoten im Hirn nicht lösen, die Angst nicht überwinden zu können. Aber nur wer das Scheitern als Möglichkeit zulasse, könne daran wachsen, unerprobte Wege gehen. Sätze, die Droste beim Gespräch denkbar unprätentiös und klar formuliert. Sie macht kein Bohei um ihre Kunst. Sie will bloß ihren Beruf ernst nehmen. An Gotscheffs Inszenierungen schätzt sie, dass bei aller Unterschiedlichkeit der Ergebnisse immer der Grund sichtbar werde, weshalb das Theater als Medium gewählt wurde: Was Gotscheff erzählt, lässt sich so nur im Theater, nicht im Film, nicht im Fernsehen erzählen. Keine Selbstverständlichkeit. Als Betrachterin, sagt Droste – und sie will das ausdrücklich nicht böse verstanden wissen – sitze sie oft im Theater mit der ratlosen Frage: „Warum soll ich hier zuschauen, warum muss ich live dabei sein?“

Beim formstrengen Schweiger Gotscheff steht diese Notwendigkeit außer Zweifel. Für die Schlachtplatte mit Shakespeare hat der Regisseur wieder seine Theaterkernfamilie mit Margit Bendokat und Almut Zilcher, Wolfram Koch und Samuel Finzi, versammelt. Eine eingeschworene Truppe, in der Neulinge für die Kommunikation anfangs durchaus Übersetzungshilfe benötigten, wie Droste amüsiert erzählt. Aber Gotscheff habe auch in Aussicht gestellt, dass er seine Familie gern vergrößern möchte, Adoptionen nicht ausgeschlossen.
Was für Droste ein Novum wäre. Zwar hat sie mit Jürgen Gosch fünf Arbeiten gemacht und nennt ihn den für sie „mit Abstand prägendsten Regisseur“. Aber familiäre Zusammenhänge hat der 2009 verstorbene Theatermacher, den bis zum Schluss fast alle siezten, nicht gesucht. „Ich mochte das“, betont Droste. „Der Arbeitsraum war geschützt dadurch, dass es keine Verwässerung gab“. Es sei klar gewesen: Irgendwann nennt er jeden seiner Spieler heimlich ein Arschloch, dann wieder versichere er jeden seiner Wertschätzung. Aber man sei dabei stets aufgehoben gewesen. Manche Kollegen hätten Gosch möglicherweise als manipulativ empfunden, sie niemals.

Bezeichnend ist die Geschichte aus den Proben zu „Onkel Wanja“. Bis vier Tage vor der Premiere ließ Gosch sie den großen Schlussmonolog der Sonja nicht probieren. Als es endlich so weit war, brach sich der angestaute Druck in einer hochemotionalen Verzweiflungsrede Bahn, die aufgelöst in Tränen endete. Goschs Kommentar (im leicht vernuschelten Idiom, das Droste perfekt beherrscht): „Sehr beeindruckend. Aber probier mal rum.“ Sie fand dann zu einem still vibrierenden Monolog, der von staunenswerter Einsicht in die Verhältnisse und einer würdevollen Schicksalsakzeptanz kündete. Droste: „Alle in dem Stück erzählen unentwegt, wie schlecht es ihnen geht. Nur Sonja sagt das nie.“
Meike Droste, die aus der Nähe von Augsburg stammt und ihre Herkunft mit der schönen Selbstbeobachtung verknüpft, sie sei für die kommunikationsgestörte Smartphone- und Facebook-Zeit „so was von zu langsam“, begreift ihren Beruf nach alter Schule.
Dass man als Schauspielerin wahnsinnige Diszi­plin brauche, habe sie am Berliner Ensemble gelernt, sagt sie. Peymann gilt nicht unbedingt als aufregender Regisseuir. Aber Droste bewundert den Mann aufrichtig dafür, „dass er sein Theater so verteidigt und überhaupt nicht modern sein möchte“. Genauso wie sie am jungen Regisseur Roger Vontobel die Beharrlichkeit schätzt, mit der er in seiner Inszenierung in den DT-Kammerspielen Arthur Millers Familiengeschichte „Alle meine Söhne“ fernab postdramatischer Hipness erzählen wollte, auch gegen Widerstände im Ensemble.

Droste besitzt einen bemerkenswert unverstellten Blick auf ihre Arbeit. Keine falsche Bescheidenheit, keine Selbstüberschätzung. Über die Fernsehserie „Mord mit Aussicht“ zum Beispiel sagt sie, dass die Spieler oft gern extremer wären, die Spanne des Möglichen nach oben sei noch weit offen. Gleichzeitig freut es sie, wenn bei Zuschauern ankommt, was ihr selbst am Herzen liegt. Der lakonische Ton dieser Dreiviertelstunden-Krimis, die Skurrilität des Mikrokosmos Dorf, das Liebenswerte der schlichten Figuren, die nie verraten werden. Auch da stecke „irrsinnige Arbeit“ dahinter, sagt sie. Was dazu führt, dass man sich bei Meike Droste, egal in welchem Medium, nie die Frage stellt, warum man ihr zuschauen soll. 

Text: Patrick Wildermann
Foto: Harry Schnitger


Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige
Deutsches Theater,
Do 29.11., 19.30 Uhr, So 2.12., 19 Uhr,
Karten-Tel. 28 44 12 21

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