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She She Pop mit „Hexploitation“ im HAU: Keine Angst vor Close-ups

She She Pop sind eines der erfolgreichsten Performance-Kollektive in der deutschsprachigen Theaterlandschaft – und auch schon um die 50. „Hexploitation“ heißt ihr neues Stück, in dem es wie so oft bei She She Pop um Tabus geht: um alternde Körper und die Angst vor der Frau jenseits der Menopause. Am 19. September ist Premiere im HAU.

In "Hexploitation" nutzen She She Pop die Live-Kamera als unerbittlichen Vergrößerungsspiegel. Foto: She She Pop
In „Hexploitation“ nutzen She She Pop die Live-Kamera als unerbittlichen Vergrößerungsspiegel. Foto: She She Pop

Es war ein Coup, als Robert Aldrich für seinen makabren Film „Whatever Happened to Baby Jane“ (1962) die provokative Besetzung mit den alternden Filmstars und langjährigen Feindinnen Joan Crawford und Bette Davis gelang. Schließlich hatten sich die beiden Diven seit Jahrzehnten giftig beharkt.

Doch mittlerweile über 50 Jahre alt, waren Rollenangebote für sie nur äußerst dünn gesät. Aldrichs Angebot konnten die Rivalinnen wohl nicht abschlagen, sich aber immerhin in ihren Rollen als zwei ungleiche Schwestern nahtlos weiterbekriegen.

Warner-Bros.: „Wer will schon abgetakelte alte Schachteln sehen?“

Dass Robert Aldrich den Film selbst produzieren und finanzieren musste, spricht auch Bände über den Jugendwahn Hollywoods, der vor allem Frauen trifft. Warner-Boss Jack L. Warner (selbst zu dem Zeitpunkt bereits 70) lehnte das Drehbuch mit den Worten ab: „Wer will schon einen Film mit zwei abgetakelten alten Schachteln sehen?“

Immerhin begründete der Streifen später das Film-Genre des „Psycho Biddy“- oder „Hagsploitation“-Kinos um ältere Schauspielerinnen, die den Zenit ihres Ruhms bereits überschritten haben und Close-up-Aufnahmen fürchten. 

She She Pop treibt das an, was gerade persönlich ansteht

„Baby Jane“ hat das Performance-Kollektiv She She Pop zu seiner neuen Arbeit inspiriert. Die sieben Mitglieder  der Gruppe, Mitte der 90er-Jahre aus dem berühmten Studiengang für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen hervorgegangenen, sind inzwischen selbst alle um die 50, also ungefähr in dem Alter, in dem Joan Crawford und Bette Davis waren, als „Baby Jane“ gedreht wurde.

Wie die beiden Leinwand-Göttinnen haben es She She Pop ziemlich weit in den Theaterolymp geschafft. Einen Karriereknick wie Crawford und Davis müssen die sechs Performerinnen mit Solo-Mann im Kollektiv allerdings nicht verspüren. Nur treibt sie in ihrer Kunstproduktion immer das an, was gerade persönlich ansteht. Und da ist eben diese Zahl: 50. 

She She Pop zeigen mit „Hexploitation“, dass sie bereit zur Offensive sind

Wie stets nehmen She She Pop auch in „Hexploitation“ sich selbst und die eigene Geschichte als Material für ihr postdramatisches Theater. So setzen sie, wenn sie übers Altern und Altersbilder nachdenken, selbstverständlich ihre alternden Körper ein. Keine Furcht vor Close-ups.

Im Gegenteil, bereit zur Offensive: „Mit unseren Körpern kämpfen wir gegen das Verschwinden und den Bedeutungsverlust, den Frauen jenseits der Gebärfähigkeit als gesellschaftliche Subjekte erleiden“, erklären sie. Und so nehmen sich die Performerinnen die Angst vor der „hag“, der Frau jenseits der Menopause, zur Brust, spüren Tabus nach und untersuchen überlieferte Hexendarstellungen.

Wie viel Befreiung steckt in Hexenklischees und neuen Selbstbildern? "Hexploitation" gibt Antworten. Foto: She She Pop
Wie viel Befreiung steckt in Hexenklischees und neuen Selbstbildern? „Hexploitation“ gibt Antworten. Foto: She She Pop

Die Bühne wird dabei zum düster-kitschigen Filmset, mit der Live-Kamera als unerbittlichem Vergrößerungsspiegel und intimem Erkundungsgerät. Die Kamera fungiere auch „als Zauberkasten, durch den sich der eigene Körper transzendieren lässt, um mit melodramatischem Ekel und komischer Lust immer neue befreiende Selbstbilder zu schaffen“.

She She Pop schauen auf sich gewissermaßen mit „Bette Davis Eyes“, die als eigensinnige Charakterdarstellerin auch Mut zur Hässlichkeit bewies und mindestens darin ihre eitle Rivalin Joan Crawford überragte.


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